Kommunalwahl und Ernährungsthemen

Für eine faire und zukunftsfähige Ernährungspolitik

Positionspapier der Ernährungsräte Niedersachsens zur Kommunalwahl 2026
April 2026

Ausgangspunkt: Es ist viel in Bewegung – jetzt kommt es auf Umsetzung an

In Niedersachsen ist Ernährungspolitik längst kein Randthema mehr. Mit der Niedersächsischen Ernährungsstrategie und neu dem Fokusheft Ernährungsarmut liegen fundierte Analysen, Zielbilder und Handlungsempfehlungen vor. Gleichzeitig engagieren sich Ernährungsräte, Initiativen, landwirtschaftliche Betriebe, Unternehmen und viele weitere Akteur*innen bereits aktiv für eine nachhaltige, faire und regionale Ernährungsversorgung.

Was bislang oft fehlt, ist nicht Erkenntnis – sondern Koordination, Verbindlichkeit und Umsetzung in der Fläche.

Kommunen spielen eine zentrale Rolle für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem:
Hier werden Entscheidungen getroffen, die direkten Einfluss auf Ernährungssysteme haben – von der Gemeinschaftsverpflegung über Wirtschaftsförderung bis hin zu Bildung, Planung und sozialer Infrastruktur.

Das Ziel der Ernährungsräte ist es, die bestehenden Ansätze zusammenzuführen und Ernährung als kommunale Gestaltungsaufgabe systematisch zu verankern.

Unsere zentrale Botschaft

Die Grundlagen für ein nachhaltiges und faires Ernährungssystem sind gelegt. Jetzt geht es darum, gemeinsam ins Handeln zu kommen. Dafür braucht es:

  • klare Zuständigkeiten für Ernährungsthemen in Kommunen
  • bessere Zusammenarbeit über Fachbereiche hinweg
  • stärkere Verknüpfung von Landwirtschaft, Verarbeitung, Gemeinschaftsverpflegung und Verwaltung
  • und verlässliche Rahmenbedingungen für regionale Wertschöpfung

Kommunale Handlungsspielräume realistisch einordnen

Viele Kommunen stehen aktuell unter erheblichem finanziellem Druck. Steigende Pflichtaufgaben, wachsende soziale Herausforderungen und begrenzte Haushaltsmittel führen dazu, dass politische Gestaltungsspielräume häufig eingeschränkt sind. Dies betrifft auch den Bereich Ernährung: Investitionen in Gemeinschaftsverpflegung, regionale Wertschöpfung oder Koordinationsstrukturen konkurrieren mit anderen dringenden Aufgaben.

Wir sehen dieses strukturelle Problem ausdrücklich. Kommunen 
 tragen hier Verantwortung, haben aber nicht immer die notwendigen  
finanziellen und rechtlichen Rahmenbedingungen, um ambitionierte Maßnahmen eigenständig umzusetzen.

Umso wichtiger ist es:

  • dass Kommunen klare Prioritäten setzen und Ernährung als Querschnittsthema mitdenken,
  • dass sie aktiv Strategien entwickeln und Kooperationen nutzen,
  • und dass sie ihre Bedarfe gegenüber Land und Bund deutlich formulieren und einfordern.

Gleichzeitig sind Land und Bund gefordert, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Kommunen ihre Rolle in der Gestaltung nachhaltiger Ernährungssysteme tatsächlich wahrnehmen können.

Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten

Regionale Wertschöpfungsketten leisten einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Stabilität von Landwirtschaft, Verarbeitung und regionalem Handel. Gleichzeitig fördern sie Versorgungssicherheit, Identifikation mit der Region und Transparenz in der Lebensmittelproduktion.

Der Rückgang kleiner und mittlerer Betriebe sowie fehlende regionale Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen stellen jedoch zentrale Herausforderungen dar. Kommunen können hier aktiv steuernd eingreifen.

Unsere Forderungen:

  • Regionale Produkte in der öffentlichen Beschaffung verankern
    Kommunen sollen bei der Vergabe von Verpflegungsleistungen soweit möglich verbindliche Kriterien zur Bevorzugung regionaler und saisonaler Produkte festlegen.
  • Regionale Vermarktungsstrukturen gezielt fördern
    Unterstützung von Wochenmärkten, regionalen Markthallen, digitalen Vermarktungsplattformen sowie Initiativen der Direktvermarktung.
  • Aufbau und Sicherung regionaler Verarbeitungsinfrastruktur
    Kommunale Förderung von Schlacht-, Verarbeitungs- und Logistikstrukturen (z. B. durch Flächenbereitstellung, Investitionszuschüsse oder Kooperationen).
  • Flächenpolitik aktiv gestalten
    Kommunale Flächen sollen bevorzugt an nachhaltig wirtschaftende landwirtschaftliche Betriebe verpachtet werden.
  • Netzwerke und Kooperationen stärken
    Initiierung und Moderation regionaler Netzwerke zwischen Landwirtschaft, Verarbeitung, Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung.

Außer-Haus-Verpflegung gesund, sozial gerecht und regional gestalten

Die öffentliche Außer-Haus-Verpflegung (AHV) ist ein zentraler Hebel kommunaler Ernährungspolitik. Über Kitas, Schulen, Kliniken und Pflegeeinrichtungen erreicht sie täglich viele Menschen und kann maßgeblich zu gesunder und nachhaltiger Ernährung beitragen.

Besonders die Verpflegung in Kitas und Schulen setzt dort an, wo Bewusstsein für eine gesundere Ernährung geprägt wird und Mangelernährung als auch Ernährungsarmut besonders entgegengewirkt werden kann.

Kommunen haben hier direkte Steuerungsmöglichkeiten über Ausschreibungen, Trägerschaften und Qualitätsvorgaben.

Unsere Forderungen:

  • Verbindliche Qualitätsstandards einführen
    In allen kommunalen Einrichtungen sollen verbindliche Standards für eine gesundheitsfördernde und nachhaltige Verpflegung festgelegt und kontrolliert werden.
  • Regionale und nachhaltige Beschaffung stärken
    Vergabeverfahren sind so zu gestalten, dass regionale, saisonale und ökologisch erzeugte Produkte systematisch berücksichtigt werden können.
  • Soziale Teilhabe sichern
    Kommunen sollen Maßnahmen ergreifen, um allen Kindern und Jugendlichen den Zugang zu qualitativ hochwertiger Verpflegung zu ermöglichen (z. B. durch kommunale Zuschüsse oder einkommensabhängige Modelle).
  • Verpflegungsstrukturen vor Ort verbessern
    Investitionen in Kücheninfrastruktur, Personalqualifikation und Frischküchenlösungen fördern.
  • Ernährungsbildung in die Verpflegung integrieren
    Verpflegungskonzepte in Kitas und Schulen sollen mit Bildungsangeboten kombiniert werden (z. B. Schulgärten, Kochprojekte).

Angebote zur Ernährungsbildung und Wertschätzung von Lebensmitteln fördern

Ernährungsverhalten wird stark durch das unmittelbare Lebensumfeld geprägt. Kommunen können durch Bildungs- und Beteiligungsangebote entscheidend dazu beitragen, Kompetenzen und Bewusstsein im Umgang mit Lebensmitteln zu stärken.

Unsere Forderungen:

  • Ernährungsbildung strukturell verankern
    Förderung von Bildungsangeboten in Kitas, Schulen, Stadtteilzentren und der Erwachsenenbildung.
  • Praxisorientierte Projekte unterstützen
    Unterstützung von Gemeinschaftsgärten, Kochprojekten, Ernährungsworkshops und ähnlichen Mitmachformaten.
  • Öffentlichkeitsarbeit ausbauen
    Kommunale Kampagnen zur Förderung gesunder und nachhaltiger Ernährung sowie zur Wertschätzung von Lebensmitteln.
  • Lebensmittelverschwendung reduzieren
    Entwicklung und Umsetzung kommunaler Strategien zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen (z. B. in öffentlichen Einrichtungen, durch Kooperationen mit Initiativen).
  • Soziale Begegnungsorte schaffen
    Förderung von Quartiersküchen, Nachbarschaftsinitiativen und offenen Essensangeboten zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts.

Kommunale Ernährungsstrategien formulieren

Ernährungspolitik ist eine Querschnittsaufgabe, die verschiedene kommunale Zuständigkeitsbereiche betrifft. Um wirksame Maßnahmen umzusetzen, braucht es eine koordinierte Gesamtstrategie.

Unsere Forderungen:

  • Kommunale Ernährungsstrategien entwickeln und beschließen
    Erarbeitung verbindlicher Strategien unter Beteiligung relevanter Akteur*innen aus Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft.
  • Koordinationsstellen einrichten
    Schaffung einer zentralen Ansprechstelle innerhalb der Verwaltung zur Steuerung und Umsetzung ernährungspolitischer Maßnahmen.
  • Partizipationsstrukturen stärken
    Einbindung von Ernährungsräten und weiteren lokalen Initiativen in Entscheidungsprozesse.
  • Konkrete Maßnahmenpläne und Zielindikatoren festlegen
    Definition messbarer Ziele sowie regelmäßige Evaluation der Fortschritte.
  • Ressourcen bereitstellen
    Sicherstellung ausreichender finanzieller und personeller Mittel für die Umsetzung der Maßnahmen, auch als Unterstützung bei der Beschaffung von Fördermitteln

Judith Busch, Stefanie Heidenreich, Tomasz Lachmann
Netzwerk Ernährungsräte Niedersachsen e.V.

Ansprechperson für Rückfragen:
Stefanie Heidenreich
Geschäftsführung Netzwerk Ernährungsräte Niedersachsen e.V.
0176 56082080 / info@ernaehrungsrat-niedersachsen.de
http://ernaehrungsrat-niedersachsen.de

Ernährungsräte vernetzen Akteure der Ernährungslandschaft aus der Region und stoßen eine Ernährungswende vor Ort an.

Spenden willkommen unter IBAN: DE95 4306 0967 1096 8592 00

Gefördert durch:

Logo des Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsen

5 Jahre Ernährungsrat Niedersachen: Zivilgesellschaftliches Engagement für gesunde Ernährung – Die Herausforderungen bleiben!

Ein Bericht von Peter Wogenstein
Hannover, im Dezember 2025

Ernährungsräte sind ein zivilgesellschaftliches Netzwerk meist in den Städten. Sie bauen eine „Brücke“ zwischen Erzeugung, Verarbeitung, Kantinen, Verbraucher:innen von Lebensmitteln sowie Verwaltung und Politik. Sie ermöglichen einen Austausch aller Akteure entlang der Wertschöpfungskette „vom Acker bis zum Telle“. Gemeinsam suchen sie nach praktischen Wegen, um unser Ernährungssystem auf andere Füße zu stellen, ob privat für jede/n Einzelne/n oder z.B. in Kantinen für Kitas und Schulen. Mehr regional, saisonal und stärker pflanzenbetont sind die Merkpunkte, wenn wir uns gesünder ernähren und unseren Planeten schonen wollen.

Ernährungsräte setzen sich für gesunde Lebensmittel auf allen Tellern für alle ein. Ihre zivilgesellschaftliche Stimme ist wichtig. Ernährungsräte verfolgen keine eigenen ökonomischen Interessen. Sie bewegt, in dem was sie tun, ein „interessenloses Interesse“. So machen Ernährungsräte in Politik und Verwaltung, in Stadt- und Regionalplanung Ernährung zum Thema, regen an, öffentliche Beschaffung nachhaltig zu gestalten und suchen nach Wegen, Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Sie wollen die Vielfalt im Ernährungssystem fördern und praktisch erlebbar machen. Sie wollen die regionale Landwirtschaft und regionale Verarbeitung stärken, auch öffentliche Flächen für regionale Ernährung sichern und nicht zuletzt Mitverantwortung für eine globale Sicht und ein globales Handeln übernehmen.

2016 wurde in Köln der erste deutsche Ernährungsrat gegründet, 2020 der landesweite Ernährungsrat Niedersachsen. Heute zählen wir über 60 bundesweit. Das Institut für Welternährung e.V. (IWE) hat von Ende 2016 bis 2018 zahlreiche Initiativen zur Gründung von Ernährungsräten von Nord- bis Süddeutschland beraten und begleitet. Aber: haben Ernährungsräte in ihrer Arbeit „Erfolg“? Und wenn, „wie“ haben sie das angestellt? Das „Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsen“, als e.V. 2020 gegründet, ist ein Beispiel für fünf Jahre ehrenamtliche Arbeit.

Wir mischen uns ein!

Das Landwirtschaftsministerium lud landesweit zu einem „Barcamp Stadt Land Food Niedersachsen“ am 10. Oktober 2019 in Hannover ein. Wir mischten uns aktiv in die Veranstaltung ein. Das waren Annika Bogon, Ernährungsrat Hannover i.G., und Peter Wogenstein für das IWE. Beide präsentierten Perspektiven der Ernährungsräte zu den Themen „Wozu braucht es Ernährungsräte?“ und „Was hindert uns, ökologische Landwirtschaft zu betreiben?“. Dieser „Auftritt“ machte den Begriff „Ernährungsrat“ im Ministerium und bei den Teilnehmenden aus Niedersachsen bekannter, provozierte aber auch, besonders Vertreter:innen der konventionellen Landwirtschaft. Wir fielen auf, und es half, einen „persönlichen Draht“ zu der Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Barbara Otte-Kinast (CDU), zu knüpfen und einen Gesprächstermin für den 13. Januar 2020 mit der Ministerin in ihrem Büro zu vereinbaren.

Die Streitschrift des IWE „Landwirtschaft am Scheideweg. Nur eine ökologische Landwirtschaft kann zehn Milliarden Menschen ernähren“ war für Dr. Wilfried Bommert, Sprecher des IWE, und Peter Wogenstein Anlass, der Ministerin Otte-Kinast und dem Staatssekretär Prof. Theuvsen unsere Position zur Zukunft der Landwirtschaft in Niedersachsen, der Notwendigkeit einer Transformation der Landwirtschaft zum Schutz von Boden, Wasser und Artenvielfalt, der Transformation des Ernährungssystems und was es dazu braucht vorzustellen und zu diskutieren. Mit dem Aspekt der Umsetzung insbesondere bei Verbraucher:innen kam besonders die Arbeit zivilgesellschaftlicher Netzwerke, so die Arbeit der Ernährungsräte vor Ort in den Fokus. Sie sollten als wichtiges zivilgesellschaftliches Bindeglied zwischen allen Akteuren vom Acker bis zum Teller stärker gefördert werden, auch und gerade durch das Landesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Aber an dieser Stelle verwies die Ministerin darauf, dass die Ernährungsräte auf kommunaler Ebene arbeiten, nicht auf Landesebene. Neben Hannover gab es bereits den Ernährungsrat Oldenburg sowie die Initiativen in Göttingen und Lüneburg, aber keinen Ernährungsrat auf Landesebene.

Trau Dich!

Und damit war die Idee geboren: wir gründen einen Ernährungsrat Niedersachsen. Ein Ernährungsrat, der auch im Sinne des Ministeriums die Arbeit der einzelnen Ernährungsräte auf Landesebene „koordinieren“ kann und – das war der entscheidende Punkt – allen Initiativen eine „Stimme“ auf Landesebene gibt und „Sprachrohr“ der Ernährungsräte und ihrer Anliegen ist.

Und das ging dann auch sehr schnell. Am 2. März 2020 konnten wir der Ministerin mitteilen, dass Göttingen, Hannover, Lüneburg und Oldenburg den „Ernährungsrat Niedersachsen. Netzwerk der Ernährungsräte und Ernährungsinitiativen in Niedersachsen“ gebildet haben. Damit stand ab sofort der Ernährungsrat Niedersachsen als Ansprechpartner auf Landesebene für Ministerien, Parteien und Landesverbände zur Verfügung. Der nächste Termin mit der Ministerin konnte vereinbart werden.

Erste kleine Etappen

Wir stellten am 8. Juni 2020 Ministerin Otte-Kinast und ihrer Fachabteilung unser erstes gemeinsames Thesenpapier der Ernährungsräte vor mit weitreichenden Forderungen zur Umgestaltung der Landwirtschaft, des Ernährungssystems und Ernährungsangebots. Unsere Forderungen reichten von „Mehr Markt für ökologische Erzeugung“ über die Notwendigkeit von „Ernährungsstrategien“ bis „mehr Bio und Regional in den Kantinen der öffentlichen Hand.“ Teil nahmen Judith Busch, Sandra Rose-Fröhlich und Peter Wogenstein gemeinsam mit Wilfried Bommert, Sprecher des IWE, der an das erste Gespräch am 13. Januar 2020 anknüpfen konnte und uns fachlich unterstützte.

Zwar wurden viele unserer Thesen nicht vom Ministerium geteilt, es folgte die Einladung an uns zum Start der Arbeit an einer Ernährungstrategie für Niedersachsen (31. August 2020 in Nienburg) und Ministerin Otte-Kinast berief das Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsen e.V. (noch i.G.) in den Beirat des ZEHN. Wir waren damit von Beginn an in die Arbeit an einer „Ernährungstrategie des Landes Niedersachsens“ eingebunden und konnten dadurch Positionen und Erfahrungen aus der Arbeit der Ernährungsräte zumindest einbringen.

Die Gründungsversammlung des „Netzwerks der Ernährungsräte Niedersachsen e.V.“ fand am 14. Dezember 2020 in Hannover statt, hatte 9 Gründungsmitglieder. Gewählt wurde der erste Vorstand mit Judith Busch, Oldenburg, Walter Dieckmann, Lüneburg, Alina Seiler, Göttingen und Peter Wogenstein, Hannover.

Mit der Anerkennung der Gemeinnützigkeit durch das Finanzamt Hannover Ost dauerte es noch eine Weile. Das Finanzamt – so schien es – hatte die Schwierigkeit zu verstehen, was tun Ernährungsräte überhaupt und wie kann das für das Finanzamt zufriedenstellend formuliert werden. Und: „Ernährungsrat“ geht gar nicht – zumindest in Hannover -, zu viel Nähe zu amtlichen „Räten“. Deshalb musste „Netzwerk“ im Vereinsnamen auftauchen. Mit den gewünschten Korrekturen konnte die 2. Mitgliederversammlung am 30. Juni 2021 die Satzung beschließen, nutzte diesen Tag aber besonders für die Erarbeitung von Positionen für eine niedersächsische Ernährungsstrategie. Am 28. September 2021 erhielten wir dann unseren Feststellungsbescheid gem. § 60a Abs. 1 AO.

Nicht zu vergessen: die laufenden Kosten rund um die ehrenamtliche Arbeit in den ersten fünf Jahren (Büro-, Reisekosten, Notar bis jährliche Kontoführungsgebühren bei der GLS) mussten finanziert werden. Es waren die Spenden des Vorstands, besonders aber das Institut für Welternährung, das uns finanziell den Rücken frei hielt.

Eine (kleine) Erfolgsgeschichte?
Ohne Beharrlichkeit geht es nicht.

Immerhin: der Ernährungsrat Niedersachsen als „Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsens e.V.“ konnte auf Landesebene etwas erreichen. Der Ernährungsrat Niedersachsen

  • wirkte an der Erarbeitung der Ernährungsstrategie Niedersachsens mit. Die Ernährungsstrategie Niedersachsens wurde vom Niedersächsischen Landtag Ende 2021 verabschiedet. Wir hatten uns die Ernährungsstrategie des Landes mit konkreten Zielen und Maßnahmen, einer Zeitlinie und hinterlegten Budgets gewünscht. Sie ist und bleibt jedoch ein wichtiger Bezugspunkt für die Arbeit der Ernährungsräte und eine wichtige Argumentationshilfe gegenüber der Politik („Ihr habt es beschlossen.“). Sie ist zudem Anstoß für Ernährungsstrategien in Städten mit ihrem Umland, wie in Oldenburg geschehen und in Hannover und Region in Arbeit.
  • war am 19. Februar 2025 eingeladen zur Anhörung in den Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft zum Antrag „Gemeinschaftsverpflegung in Kitas, Schulen, Senioreneinrichtungen und Kantinen stärken – DGE-Standards verbindlich umsetzen“, ein Antrag der Fraktion der SPD und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (2025). Eine entsprechende Forderung hatten wir bereits 2020 gestellt. Die „kostenfreie Kita- und Schulverpflegung“ war zumindest als Anspruch formuliert. Der Antrag wurde danach in abgeänderter Form (weniger Verpflichtung) vom Landtag verabschiedet.
  • hat an einer „Strategie gegen Ernährungsarmut im Land Niedersachsen“ mitgearbeitet und versucht, darin Impulse zu setzen. Dreizehn Handlungsfelder wurden als „Fokus Ernährungsarmut“ am 11. Dezember 2025 von der Ministerin vorgestellt. Für uns zentrale Handlungsfelder sind „Die ersten tausend Tage in den Blick nehmen“ und „beitragsfreie und qualitativ hochwertige Kita- und Schulverpflegung“, wird damit doch ein Fokus auf die Altersgruppe der Neugeborenen, der Kinder und Jugendlichen gerichtet, für deren Entwicklung und weiteren Lebensweg gesunde Ernährung besonders wichtig ist.
  • ist seit seiner Gründung 2020 gewachsen von einem Ernährungsrat (Oldenburg seit 2018 unter dem Dach von transfer – Netzwerk nachhaltige Zukunft e. V.) auf sechs Ernährungsräte, die sich als e.V. in Göttingen, Braunschweig, Hannover, Osnabrück und Cuxland/Bremerhaven gegründet haben und vor Ort eine hauptsächlich ehrenamtlich getragene Rolle spielen.
  • ist Ansprechpartner der Landtagsfraktionen in Niedersachsen geworden. Auch wenn uns hin und wieder unterstellt wird, wir „seien doch ein Ableger einer grünen Partei“ – was Ernährungsräte nun wirklich nicht sind -, so können wir glaubhaft versichern: wir sind nicht parteigebunden. Die Grundlage unserer Arbeit ist die von der Mehrheit des Landtags beschlossene Ernährungsstrategie.
  • wird seit dem 1. April 2025 – befristet für zwei Jahre – für den Aufbau einer Geschäftsstelle durch das Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert. Ein Durchbruch nach vier Jahren und ein erster Schritt zu mehr Professionalisierung.

Kleine Erfolge, doch der Widerstand bleibt. Mut ist gefragt.

Immer wieder fragen wir uns: Warum setzen Politiker nicht das um, was sie eigentlich über „gesunde Ernährung“ wissen müssten? Oder was sie über die negativen Auswirkungen ungesunder Ernährung wissen? So z.B. die Folgen von zu viel Zucker für Übergewicht und Diabetes 2 und die hohen Folgekosten für das Gesundheitssystem, nur ein Beispiel. In einer Studie für Großbritannien (November 2024) finden sich vier Gründe, warum Politik für gesunde Ernährung in der Regel scheitert:

  1. Versuche, Einfluss auf das Ernährungsverhalten in der Gesellschaft zu nehmen, werden in der öffentlichen Diskussion wie auch in den Parlamenten vehement als „Bevormundung“ abgetan. („Ich lass mir doch nicht in meinen Kühlschrank regieren.“)
  2. Die massive, gut finanzierte Lobbyarbeit der Lebensmittel- und Agrarindustrie und die Furcht vor negativen Auswirkungen in der Wirtschaft hindern, Einsichten und Wissen in Gesetzen oder Verordnungen umzusetzen. Ehrenamtliche Arbeit hat dagegen eigentlich keine Chance.
  3. Das Thema Ernährung hat es noch nie in die Liste der Top Themen der Politik geschafft. („Es gibt wichtigeres.“)
  4. Keiner will das Thema „Ernährung“ grundlegend anpacken. Ernährung und das Ernährungssystem ist eine komplexe und weitläufige Angelegenheit, die Verantwortung für gesunde Ernährung ist über zahlreiche Ministerien verstreut, da wird jeder Gestaltungsversuch zu einem politischen Such- und Verwirrspiel. Die Briten nennen es: „Whack-the-Mole“ – Fang den Maulwurf. Und das versucht erst keiner. So bleibt das „Problem“ „Gesunde Ernährung für alle“, so auch aktuell die für unsere Wohlstandsgesellschaft erschreckende Tatsache der „Ernährungsarmut“ da hängen, wo es alle hinschieben: beim Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.

Sich trauen. Und „hoch zielen“.
Es muss sein: für eine enkelfähige Zukunft

Politik zu ändern, andere Rahmenbedingungen für gesundes Essen insbesondere für Kinder und Jugendliche, kranke und alte Menschen zu schaffen, ist ein langwieriger Prozess. Es gilt, sich bei so viel „Widrigkeiten“ zu wappnen. Das heißt heute und in Zukunft:
wenn Ernährungsräte etwas bewirken wollen, müssen sie in Stadt und Land

  • zwingende, wissenschaftsbasierte Argumente in einfacher Sprache nutzen.
  • Allianzen mit nahestehenden Organisationen bilden, Ideen und Vorschläge für gesunde Ernährung und entsprechende Aktionen auf eine breite Basis stellen.
  • politische Entscheider als Speerspitze für gesunde Ernährung und eine Ernährungswende gewinnen, ob in der Kommune oder im Land.
    Ernährungsräte müssen
  • sich trauen und „hoch zielen“.

Vieles geschieht bereits in Städten, auf Landes- und Bundesebene mit Nachdruck, als Bewegung „von unten“. Ernährungsräte sind das „Sprachrohr“ der Zivilgesellschaft und können „Brückenbauer“ „vom Acker bis zum Teller“ für eine Ernährungswende sein. Ein langer Weg, der es wert ist zu gehen: für eine enkelfähige Zukunft.

Peter Wogenstein ist Sprecher des Vorstands des Instituts für Welternährung e.V., Gründungsmitglied des Netzwerks der Ernährungsräte Niedersachsen e.V. und Mitglied des Vorstands der Regionalbewegung Niedersachsen e.V. Er arbeitet freiberuflich als systemischer Organisationsberater, Trainer, Coach und Moderator.