Der Ernährungsrat Oldenburg hat am 30. April den Besuch von Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, Alois Rainer, im Verbundprojekt „EAT – gemeinsam, regional, genießen“ begleitet. Das Projekt ist eines von bundesweit zehn Modellregionen und eines von drei Vorhaben in Niedersachsen – und steht beispielhaft dafür, wie Ernährungsräte ihre fachliche Expertise und ihre starken regionalen Netzwerke wirksam in Transformationsprozesse einbringen.
In der Baumhaus Werkstatt gGmbH erhielt der Minister einen praxisnahen Einblick in die Projektarbeit. EAT setzt sich in der Region Oldenburg und Wesermarsch für eine gesunde, regionale und nachhaltige Außer-Haus-Verpflegung ein – ein Ziel, das der Ernährungsrat Oldenburg aktiv mitgestaltet.
„Es ist beeindruckend zu sehen, wie hier in der Praxis nachhaltige Ernährung umgesetzt wird. Projekte wie EAT zeigen, dass die Verbindung von regionaler Landwirtschaft, Beratung und Engagement vor Ort ein entscheidender Schlüssel für die Zukunft unserer Ernährung ist“, betonte Alois Rainer.
Impulsgeber für eine nachhaltige Speiseplangestaltung Ein zentraler Baustein des Projekts ist die Beratung von Küchen. Aktuell werden 15 Einrichtungen, so wie die Baumhaus Werkstatt, intensiv durch die Köchin Tina Hinderlich vom Ernährungsrat Oldenburg begleitet, um den Anteil regionaler und ökologischer Lebensmittel zu steigern und die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung systematisch umzusetzen.
Die positiven Effekte sind bereits sichtbar: In Kitas, Krankenhäusern und Kantinen hat sich das Speisenangebot deutlich weiterentwickelt. Am Beispiel der Baumhaus Werkstatt gGmbH wird deutlich, wie diese Veränderung konkret gelingt – von der Umstellung der Beschaffung bis hin zur erfolgreichen Bio-Zertifizierung.
Die Küchenleiterin der Baumhaus Werkstatt gGmbH, Petra Lucas, hob die konkrete Unterstützung hervor: „Ich bin auch als Privatperson vom Einkauf regionaler Produkte in Bio-Qualität überzeugt und habe dies stets auch bei meiner Arbeit einfließen lassen. Durch die Unterstützung von Tina Hinderlich im Rahmen von EAT konnte ich noch strukturierter vorgehen, das Angebot positiv erweitern und sogar die Bio-Zertifizierung am vergangenen Freitag erfolgreich für die Baumhaus-Küche meistern – was selbstverständlich auch nicht ohne die Unterstützung meiner Kolleginnen und unserer Geschäftsführerin möglich gewesen wäre.“
Regionale Netzwerke als Schlüssel zur Transformation Ein besonderer Mehrwert liegt in der gezielten Vernetzung regionaler Partner. Durch das Projekt konnte unter anderem eine Zusammenarbeit zwischen der Baumhaus Werkstatt und dem Hof Grummersort initiiert werden, sodass seit einigen Wochen Bio-Kartoffeln aus ca. 10 Kilometer Entfernung in der Küche verarbeitet werden. Solche Partnerschaften stärken nicht nur die regionale Wertschöpfung, sondern schaffen auch verlässliche Lieferbeziehungen zwischen Erzeugern und Küchen.
Der Ernährungsrat Oldenburg sieht hierin einen entscheidenden Hebel: Nur durch stabile Netzwerke und gegenseitiges Verständnis entlang der gesamten Wertschöpfungskette kann eine nachhaltige Ernährungsweise langfristig etabliert werden.
Digitale Lösungen ergänzen regionale Strukturen Mit der „Regiothek“ wird im Rahmen von EAT zudem eine digitale Plattform aufgebaut, die Angebot und Nachfrage regionaler Lebensmittel zusammenführt. Gemeinsam mit dem Projekt biOLogisch von ProZept e.V. entsteht ein Instrument, das Transparenz schafft und die Zusammenarbeit erleichtert. Ab Sommer 2026 soll ein digitaler B2B-Marktplatz mit gebündelter Bestellung und Logistik starten.
Modellregion mit Strahlkraft Der Besuch von Bundesminister Alois Rainer unterstreicht die bundesweite Bedeutung des Projekts. Als eine von zehn Modellregionen zeigt EAT, wie die Transformation der Gemeinschaftsverpflegung konkret gelingen kann.
Für den Ernährungsrat Oldenburg ist klar: Projekte wie EAT sind wichtige Reallabore für die Ernährungswende. Sie zeigen, wie durch praxisnahe Beratung, starke Netzwerke und innovative Ansätze eine gesunde, nachhaltige und regional verankerte Ernährung erfolgreich umgesetzt werden kann.
Positionspapier der Ernährungsräte Niedersachsens zur Kommunalwahl 2026 April 2026
Ausgangspunkt: Es ist viel in Bewegung – jetzt kommt es auf Umsetzung an
In Niedersachsen ist Ernährungspolitik längst kein Randthema mehr. Mit der Niedersächsischen Ernährungsstrategie und neu dem Fokusheft Ernährungsarmut liegen fundierte Analysen, Zielbilder und Handlungsempfehlungen vor. Gleichzeitig engagieren sich Ernährungsräte, Initiativen, landwirtschaftliche Betriebe, Unternehmen und viele weitere Akteur*innen bereits aktiv für eine nachhaltige, faire und regionale Ernährungsversorgung.
Was bislang oft fehlt, ist nicht Erkenntnis – sondern Koordination, Verbindlichkeit und Umsetzung in der Fläche.
Kommunen spielen eine zentrale Rolle für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem: Hier werden Entscheidungen getroffen, die direkten Einfluss auf Ernährungssysteme haben – von der Gemeinschaftsverpflegung über Wirtschaftsförderung bis hin zu Bildung, Planung und sozialer Infrastruktur.
Das Ziel der Ernährungsräte ist es, die bestehenden Ansätze zusammenzuführen und Ernährung als kommunale Gestaltungsaufgabe systematisch zu verankern.
Unsere zentrale Botschaft
Die Grundlagen für ein nachhaltiges und faires Ernährungssystem sind gelegt. Jetzt geht es darum, gemeinsam ins Handeln zu kommen. Dafür braucht es:
klare Zuständigkeiten für Ernährungsthemen in Kommunen
bessere Zusammenarbeit über Fachbereiche hinweg
stärkere Verknüpfung von Landwirtschaft, Verarbeitung, Gemeinschaftsverpflegung und Verwaltung
und verlässliche Rahmenbedingungen für regionale Wertschöpfung
Viele Kommunen stehen aktuell unter erheblichem finanziellem Druck. Steigende Pflichtaufgaben, wachsende soziale Herausforderungen und begrenzte Haushaltsmittel führen dazu, dass politische Gestaltungsspielräume häufig eingeschränkt sind. Dies betrifft auch den Bereich Ernährung: Investitionen in Gemeinschaftsverpflegung, regionale Wertschöpfung oder Koordinationsstrukturen konkurrieren mit anderen dringenden Aufgaben.
Wir sehen dieses strukturelle Problem ausdrücklich. Kommunen tragen hier Verantwortung, haben aber nicht immer die notwendigen finanziellen und rechtlichen Rahmenbedingungen, um ambitionierte Maßnahmen eigenständig umzusetzen.
Umso wichtiger ist es:
dass Kommunen klare Prioritäten setzen und Ernährung als Querschnittsthema mitdenken,
dass sie aktiv Strategien entwickeln und Kooperationen nutzen,
und dass sie ihre Bedarfe gegenüber Land und Bund deutlich formulieren und einfordern.
Gleichzeitig sind Land und Bund gefordert, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Kommunen ihre Rolle in der Gestaltung nachhaltiger Ernährungssysteme tatsächlich wahrnehmen können.
Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten
Regionale Wertschöpfungsketten leisten einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Stabilität von Landwirtschaft, Verarbeitung und regionalem Handel. Gleichzeitig fördern sie Versorgungssicherheit, Identifikation mit der Region und Transparenz in der Lebensmittelproduktion.
Der Rückgang kleiner und mittlerer Betriebe sowie fehlende regionale Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen stellen jedoch zentrale Herausforderungen dar. Kommunen können hier aktiv steuernd eingreifen.
Unsere Forderungen:
Regionale Produkte in der öffentlichen Beschaffung verankern Kommunen sollen bei der Vergabe von Verpflegungsleistungen soweit möglich verbindliche Kriterien zur Bevorzugung regionaler und saisonaler Produkte festlegen.
Regionale Vermarktungsstrukturen gezielt fördern Unterstützung von Wochenmärkten, regionalen Markthallen, digitalen Vermarktungsplattformen sowie Initiativen der Direktvermarktung.
Aufbau und Sicherung regionaler Verarbeitungsinfrastruktur Kommunale Förderung von Schlacht-, Verarbeitungs- und Logistikstrukturen (z. B. durch Flächenbereitstellung, Investitionszuschüsse oder Kooperationen).
Flächenpolitik aktiv gestalten Kommunale Flächen sollen bevorzugt an nachhaltig wirtschaftende landwirtschaftliche Betriebe verpachtet werden.
Netzwerke und Kooperationen stärken Initiierung und Moderation regionaler Netzwerke zwischen Landwirtschaft, Verarbeitung, Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung.
Außer-Haus-Verpflegung gesund, sozial gerecht und regional gestalten
Die öffentliche Außer-Haus-Verpflegung (AHV) ist ein zentraler Hebel kommunaler Ernährungspolitik. Über Kitas, Schulen, Kliniken und Pflegeeinrichtungen erreicht sie täglich viele Menschen und kann maßgeblich zu gesunder und nachhaltiger Ernährung beitragen.
Besonders die Verpflegung in Kitas und Schulen setzt dort an, wo Bewusstsein für eine gesundere Ernährung geprägt wird und Mangelernährung als auch Ernährungsarmut besonders entgegengewirkt werden kann.
Kommunen haben hier direkte Steuerungsmöglichkeiten über Ausschreibungen, Trägerschaften und Qualitätsvorgaben.
Unsere Forderungen:
Verbindliche Qualitätsstandards einführen In allen kommunalen Einrichtungen sollen verbindliche Standards für eine gesundheitsfördernde und nachhaltige Verpflegung festgelegt und kontrolliert werden.
Regionale und nachhaltige Beschaffung stärken Vergabeverfahren sind so zu gestalten, dass regionale, saisonale und ökologisch erzeugte Produkte systematisch berücksichtigt werden können.
Soziale Teilhabe sichern Kommunen sollen Maßnahmen ergreifen, um allen Kindern und Jugendlichen den Zugang zu qualitativ hochwertiger Verpflegung zu ermöglichen (z. B. durch kommunale Zuschüsse oder einkommensabhängige Modelle).
Verpflegungsstrukturen vor Ort verbessern Investitionen in Kücheninfrastruktur, Personalqualifikation und Frischküchenlösungen fördern.
Ernährungsbildung in die Verpflegung integrieren Verpflegungskonzepte in Kitas und Schulen sollen mit Bildungsangeboten kombiniert werden (z. B. Schulgärten, Kochprojekte).
Angebote zur Ernährungsbildung und Wertschätzung von Lebensmitteln fördern
Ernährungsverhalten wird stark durch das unmittelbare Lebensumfeld geprägt. Kommunen können durch Bildungs- und Beteiligungsangebote entscheidend dazu beitragen, Kompetenzen und Bewusstsein im Umgang mit Lebensmitteln zu stärken.
Unsere Forderungen:
Ernährungsbildung strukturell verankern Förderung von Bildungsangeboten in Kitas, Schulen, Stadtteilzentren und der Erwachsenenbildung.
Praxisorientierte Projekte unterstützen Unterstützung von Gemeinschaftsgärten, Kochprojekten, Ernährungsworkshops und ähnlichen Mitmachformaten.
Öffentlichkeitsarbeit ausbauen Kommunale Kampagnen zur Förderung gesunder und nachhaltiger Ernährung sowie zur Wertschätzung von Lebensmitteln.
Lebensmittelverschwendung reduzieren Entwicklung und Umsetzung kommunaler Strategien zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen (z. B. in öffentlichen Einrichtungen, durch Kooperationen mit Initiativen).
Soziale Begegnungsorte schaffen Förderung von Quartiersküchen, Nachbarschaftsinitiativen und offenen Essensangeboten zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts.
Kommunale Ernährungsstrategien formulieren
Ernährungspolitik ist eine Querschnittsaufgabe, die verschiedene kommunale Zuständigkeitsbereiche betrifft. Um wirksame Maßnahmen umzusetzen, braucht es eine koordinierte Gesamtstrategie.
Unsere Forderungen:
Kommunale Ernährungsstrategien entwickeln und beschließen Erarbeitung verbindlicher Strategien unter Beteiligung relevanter Akteur*innen aus Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft.
Koordinationsstellen einrichten Schaffung einer zentralen Ansprechstelle innerhalb der Verwaltung zur Steuerung und Umsetzung ernährungspolitischer Maßnahmen.
Partizipationsstrukturen stärken Einbindung von Ernährungsräten und weiteren lokalen Initiativen in Entscheidungsprozesse.
Konkrete Maßnahmenpläne und Zielindikatoren festlegen Definition messbarer Ziele sowie regelmäßige Evaluation der Fortschritte.
Ressourcen bereitstellen Sicherstellung ausreichender finanzieller und personeller Mittel für die Umsetzung der Maßnahmen, auch als Unterstützung bei der Beschaffung von Fördermitteln
Judith Busch, Stefanie Heidenreich, Tomasz Lachmann Netzwerk Ernährungsräte Niedersachsen e.V.
Walter Dieckmann war Gründungsmitglied und Gründungsvorstand des Netzwerks der Ernährungsräte Niedersachsen e.V. Ihm war im Verbund mit den Ernährungsräten Oldenburg, Göttingen, Hannover und Lüneburg wichtig, dass die Idee einer Ernährungswende auch auf Landesebene eine Stimme bekommt.
In seiner Heimatregion Lüneburg hat Walter sich seit vielen Jahren sehr für nachhaltige Ernährung und zukunftsorientierte Regionalentwicklung engagiert. Er war aktiv im Slow Food Netzwerk, hat im Zukunftsrat Lüneburg den Ernährungsrat vertreten und aktiv die Gründung der Genossenschaft moktwi eG. unterstützt.
Mit Walter verlieren wir im Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsen e.V. eine für uns alle sehr wichtige Persönlichkeit. Sein langjähriges Engagement im Netzwerk und vor Ort in Lüneburg war für uns eine verlässliche Konstante. Ohne ihn wäre vieles, was wir bis heute erreicht haben, so nicht möglich gewesen.
Wir werden Walter vermissen und sind in Gedanken bei seiner Familie und allen, die ihm nahestanden.
Vorstand und Geschäftsstelle Netzwerk Ernährungsräte Niedersachsen e.V.
Gründungsvorstand: Walter Dieckmann (ER Lüneburg), Alina Seiler (ER Göttingen, Judith Busch (ER Oldenburg), Peter Wogenstein (ER Hannover) – von links nach rechts
Ein Kommentar von Peter Wogenstein Hannover, 11. Dezember 2025
Niedersachsen stellt seit heute Ernährungsarmut in den Fokus. Ein Schritt, der überfällig ist, ist doch jede/r Sechste in unserer Gesellschaft armutsgefährdet. Viel zu viele leiden an Ernährungsarmut. Besonders hart trifft es dann Kinder und Jugendliche in armen und armutsgefährdeten Familien. Eine eingeschränkte körperliche und geistige Entwicklung sind die Folge, soziale und psychische Belastung kommen hinzu, und Kinder in dieser Situation erfinden dann „Geschichten“ – wie heute berichtet wurde -, um mit der erlebten Scham klar zu kommen. Dazu kommen durch mangelnde und schlechte Ernährung gesundheitliche Folgen wie Adipositas und Diabetes 2. So folgt der Armut die Scham, oft verbunden mit Krankheit und Wohnungslosigkeit.
Gründe genug, zu handeln. Und so stellt Miriam Staudte, Niedersächsische Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gleich 13 Handlungsfelder vor, die der Ernährungsarmut und ihren Folgen begegnen sollen. Sie reichen von „Die ersten tausend Tage junger Familien in den Blick nehmen“ über „beitragsfreie und qualitativ hochwertige Kita- und Schulverpflegung“ bis zu „Kosten einer gesundheitsfördernden Ernährung“ in der „staatlichen Grundsicherungsleistung adäquat berücksichtigen“. Dies legt insbesondere den Fokus auf die Altersgruppe der Neugeborenen, der Kinder und Jugendlichen, für deren Entwicklung und weiteren Lebensweg gesunde Ernährung besonders wichtig ist. Die Gruppe der Erwachsenen und alten, oft alleinstehenden Menschen sind in den Handlungsfeldern mit eingeschlossen bis zur Förderung der Tafeln in unserem Land. Ernährungsarmut zieht sich durch alle Altersgruppen, und dafür muss, wie Miriam Staudte ausführt, auch Geld in die Hand genommen werden.
Aber genau das ist das Problem. Hier fehlt es an Geld. Denn der eigentliche Skandal bei der Lektüre der Handlungsfelder gegen Ernährungsarmut ist, wie sehr die Armen unter uns in dieser doch reichen Gesellschaft im Stich gelassen werden. Viele Initiativen sind unterwegs vom Schulfrühstück über Obst in Schulen, Kochen im Viertel bis zur Tafel. Das Grundproblem wird jedoch nicht angegangen durch uns als Gesellschaft und unsere Vertreterinnen und Vertreter des Landes- und des Bundesparlaments.
Wissenschaftliche Studien belegen die Notwendigkeit von möglichst nahrhafter Gesundheit. Skandinavien macht uns schon lange vor, dass kostenfreie gesunde Verpflegung in Schulen machbar ist und belegt auch wissenschaftlich die positiven Auswirkungen für die körperliche und geistige Entwicklung der Kinder.
Bei uns tut sich grundsätzlich und strukturell … wenig. Kein Engagement in der Politik für kostenfreie Kita- und Schulverpflegung, kein Interesse, das komplexe Bündel der Sozialleistungen, das sich über Kommune, Land und Bund zieht, aufzudröseln und zu verschlanken und dafür zu sorgen, dass das Geld dahin kommt, wo es für gesunde Ernährung am meisten gebraucht wir: für die Neugeborenen in den ersten tausend Tagen, für die Kinder und Jugendlichen, für Kranke und alte Menschen. Das wäre auch ein „gesunder“ Schritt Richtung weniger Bürokratie.
Warum hört Politik nicht auf den vom Bundestag eingesetzten Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ und seine Empfehlungen: gut begründet, gerechnet und mit großem Nachdruck dem Bundestag nahegebracht?
Warum scheitert die Politik für gesunde Ernährung?
In einer Studie (November 2024) finden sich die vier wichtigsten Gründe, warum Politik für gesunde Ernährung scheitert:
1. Versuche, Einfluss auf das Ernährungsverhalten in der Gesellschaft zu nehmen, werden in der öffentlichen Diskussion vehement als „Bevormundung“ abgetan.
2. Die massive Lobbyarbeit der Lebensmittelindustrie und die Furcht vor negativen Auswirkungen in der Wirtschaft hindern, Einsichten und Wissen in Gesetze umzusetzen.
3. Das Thema Ernährung hat es noch nie in die Liste der Topthemen der Politik geschafft.
4. Die Verantwortung für gesunde Ernährung ist über zahlreiche Ministerien verstreut. Da Ernährung und das Ernährungssystem eine komplexe und weitläufige Angelegenheit sind, wird jeder Gestaltungsversuch zu einem politischen Such- und Verwirrspiel. Die Briten nennen es: „Whack-the-Mole“ – Fang den Maulwurf.
So bleibt das „Problem“ „Gesunde Ernährung für alle“ und „Ernährungsarmut da hängen, wo es alle hinschieben: beim Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Das bemüht sich sehr. Doch es braucht mehr. So auch eine laute zivilgesellschaftliche Stimme, die die Politik vor Ort, im Land und im Bund auf den Missstand immer wieder hinweist.
Peter Wogenstein ist Sprecher des Vorstands des Instituts für Welternährung (IWE) und Gründer des „Netzwerks der Ernährungsräte Niedersachsens“
Am 15. November 2025 trafen sich Mitglieder aller Ernährungsräte zum zweiten Netzwerktreffen des Jahres im Umweltzentrum Hannover. Die Teilnehmenden reisten an aus Oldenburg, Cuxhaven, Bremerhaven, Osnabrück, Braunschweig, Göttingen und natürlich Hannover. Jeder Ernährungsrat arbeitet mit unterschiedlichen Schwerpunkten, doch allen gemein ist die Umsetzung von Projekten entlang der Niedersächsischen Ernährungsstrategie. Der Fokus des Netzwerktreffens lag auf dem Austausch zwischen den Regionen sowie der Frage, wie sich die Arbeit gegenseitig bereichern und Projekte auch gemeinsam umsetzen lassen.
Ernährungsräte im Einsatz entlang der Niedersächsischen Ernährungsstrategie Ein zentrales Thema war die Schulverpflegung, denn die Basis einer gesunden Versorgung und guten Ernährungsbildung beginnt in der Gemeinschaftsverpflegung unserer Kinder. Dazu gibt es in Niedersachsen beispielhafte Modellprojekte, auch mit Beteilung regionaler Ernährungsräte, deren Ergebnisse auch über die Projektlaufzeiten hinaus sichergestellt werden sollten.
Lebhaft diskutiert wurde auch die Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten. Mit welchen Aktionen lassen sich unsere Produzent*innen regionaler Lebensmittel sichtbarer machen und die Verbindung der Produzent*innen bis hin zu den Verbraucher*innen wieder intensivieren? Die Regio Challenge Niedersachsen bietet den Rahmen für Verbraucherbildung, setzt den Fokus auf eine regionale und saisonale Ernährung, fördert die Wertschätzung von Lebensmitteln und fördert nicht zuletzt die Vernetzung unterschiedlicher Akteure in der Region als auch auf Landesebene. Auch im Rahmen der Kommunalwahlen 2026 werden die Ernährungsräte des Landes diese Themen gezielt nachfragen.
Neuer Vorstand bringt viel Erfahrung und frische Impulse Dem Netzwerktreffen folgte eine Mitgliederversammlung inklusive Neuwahl des Vorstands. Peter Wogenstein, langjähriger Sprecher des Niedersächsischen Ernährungsrats, hat sich aus dem Vorstand zurückgezogen. Mit seiner Erfahrung und seinem Engagement hat er die Arbeit für eine zukunftsfähige Ernährungswende auf Landesebene maßgeblich geprägt und die Gründung verschiedener Ernährungsräte in den Regionen und nicht zuletzt auf Landesebene wegweisend vorangebracht.
Der neue Vorstand wird besetzt durch Judith Busch (Ernährungsrat Oldenburg), Britta Steven (ErBSL – Ernährungsrat Braunschweig) und Tomasz Lachmann (Ernährungsrat Hannover sowie Geschäftsführer des Bundesnetzwerk der Ernährungsräte e.V. Weiterhin wird Gründungsmitglied Walter Dieckmann aus Lüneburg als Kassenwart den Vorstand ergänzen. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit des neuen Vorstands mit Steffi Heidenreich als Leitung der Geschäftsstelle.
Von Fisch und Krabben aus der Nordsee, Grünkohl, Harzer Roller oder Birnen-Bohnen-Speck bis hin zu allerlei Kartoffelgerichten – die niedersächsische Ernährungslandschaft ist bodenständig, auch deftig und vor allem abwechslungsreich. Dahinter stehen zahlreiche Erzeuger*innen und Produzent*innen, die mit viel Arbeit und Herzblut Lebensmittel hier bei uns in Niedersachsen produzieren. Da lohnt es, genau hinzuschauen.
Ernährungsräte vernetzen und bringen alle an einen Tisch
Mit der Veranstaltung „Ganz Niedersachsen kocht – regional & saisonal!“ lädt das Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsen landesweit öffentlich zu einem Kochevent der besonderen Art ein. Am 29.Oktober ab 18 Uhr gibt es ein gemeinsames Abendessen mit den Ernährungsräten aus allen Regionen Niedersachsens, Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte und allen, die zuhause mitkochen und zusammen genießen wollen.
„Neben Gästen aus Initiativen und Verbänden, die sich für die Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten einsetzen, freuen wir uns ganz besonders auf interessierte Verbraucher*innen sowie auf Vertreter*innen aus Presse, Politik und Wissenschaft“, berichtet Steffi Heidenreich aus der Geschäftsstelle des Netzwerks Ernährungsräte Niedersachsen e.V.
Gemeinsam kochen in ganz Niedersachsen
Mit Ministerin Miriam Staudte wird vor Ort in Hannover gekocht und gemeinsam gegessen. Gleichzeitig tauschen wir uns über Themen einer regionalen Ernährung im Sinne der Niedersächsischen Ernährungsstrategie aus, der Leitfaden für die Arbeit der Ernährungsräte in allen Regionen. Zu der Veranstaltung in Hannover können sich online Teilnehmende aus ganz Niedersachsen zuschalten. Die Rezepte und Tipps für regionale Zutaten werden im Vorfeld der Veranstaltung zur Verfügung gestellt, so dass landesweit ein gemeinsames Abendessen möglich ist.
Unser Ziel: Regionale Produkte und die Menschen dahinter sichtbar machen
Das Event „Ganz Niedersachsen kocht – regional & saisonal“ ist der offizielle Abschluss der Regio Challenge Niedersachsen 2025. Im September haben von Oldenburg über Verden, Visselhövede, Osnabrück, Hannover bis Göttingen Ernährungsräte und -initiativen dazu aufgerufen, sich für eine kurze Zeit ausschließlich regional zu ernähren. Begleitet wurde die Aktion den gesamten September über mit Hoffesten, Märkten, Workshops und weiteren inspirierenden Angeboten rund um die Produkte aus der Region. „Viele von uns wissen gar nicht, welche Lebensmittel in ihrer Region produziert werden“, so Steffi Heidenreich. „Diese Produkte und vor allem auch die Menschen dahinter sichtbar zu machen, ist ein wichtiges Ziel der Regio Challenge.“
Unterstützt wird die Regio Challenge in Niedersachsen mit fachlicher Expertise wie Rezepten, Saisonkalender und Tipps zur Wertschätzung von Lebensmitteln vom Zentrum für Ernährung und Hauswirtschaft Niedersachsen – ZEHN. Ebenfalls dabei ist die Regionalbewegung Niedersachsen, die mit dem „Tag der Regionen“ insbesondere die Veranstaltungsreihe unterstützt.
Mit Transparenz und Verbindung regionale Wertschöpfungsketten stärken
Die Vernetzung aller regionalen Akteure der Ernährungslandschaft – von der Erzeugung über die Verarbeitung und den Handel bis hin zum Verbraucher mit Institutionen aus Wissenschaft und kommunalpolitischen Einrichtungen – ist eine zentrale Aufgabe der Ernährungsräte. „Mit der Regio Challenge und dem Kochevent „Ganz Niedersachsen kocht – regional & saisonal“ möchten wir die Vernetzung aller Akteure ‚Vom Acker bis zum Teller‘ stärken“, so Heidenreich. „Mit dem Kauf regionaler Produkte erhalten wir nicht nur besonders hochwertige Lebensmittel, sondern können auch Produktion, Verarbeitung, Transport und Arbeitsbedingungen transparent nachvollziehen.“ So kann jeder einzelne mit seinem Kaufverhalten einen wertvollen Beitrag leisten, um Lebensmittel produzierende Betriebe in der eigenen Region zu stärken.
Der Ernährungsrat Niedersachsen lädt ein zur Entdeckungsreise durch Deine Region mit der Regio Challenge
Pressemitteilung vom 11.9.2025
Iss, was um die Ecke wächst – 7 Tage nur Lebensmittel aus der Region! So lautet das Motto der Regio Challenge, die in diesem Jahr vom Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsen initiiert wird. Erlaubt ist alles, was in der Entfernung einer Radtour entstanden ist. Zwei Joker pro Tag sind erlaubt, zum Beispiel für den Becher Kaffee am Morgen oder Pfeffer & Gewürze.
„Viele von uns wissen gar nicht, welche Lebensmittel in Ihrer Region produziert werden“, so Stefanie Heidenreich vom Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsen. „Diese Produkte und vor allem auch die Menschen dahinter sichtbar zu machen, ist unsere Motivation der Regio Challenge. Wir möchten möglichst viele Menschen dafür begeistern, was unsere Region alles zu bieten hat!“
Niedersächsische Regionen präsentieren ihre kulinarische Vielfalt
Umgesetzt wird die Regio Challenge in verschiedenen Regionen Niedersachsens durch Ernährungsräte und Initiativen vor Ort. Mit dabei sind Hannover, Oldenburg, Verden, Visselhövede, Osnabrück und Göttingen. Die konkrete Ausgestaltung der Challenge variiert je nach Region. Die Teilnehmenden erhalten wertvolle Infos zu Einkaufsmöglichkeiten, besonderen Produkten und Erzeuger*innen der Region. Unterstützt wird die Regio Challenge in Niedersachsen mit fachlicher Expertise wie Rezepten, Saisonkalender und Tipps zur Wertschätzung von Lebensmitteln vom Zentrum für Ernährung und Hauswirtschaft Niedersachsen – ZEHN.
Einladung: Gemeinsam essen erleben und Zukunft gestalten
Begleitend dazu wird in allen Regionen ein buntes Veranstaltungsprogramm mit Märkten, Hoffesten und auch Workshops angeboten. Die Regio Challenge bietet gute Gelegenheiten, sich mit den Landwirt*innen vor Ort auszutauschen und kulinarische Vielfalt heimischer Produkte zu entdecken.
Einen besonderen Abschluss findet die Regio Challenge mit der Veranstaltung „Niedersachsen kocht – regional & saisonal“ am 29. Oktober in der VHS Hannover, gemeinsam mit Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte. Gemeinsam werden regionale Gerichte zubereitet und serviert, angereichert mit einem wertvollen Austausch zur Umsetzung der Niedersächsischen Ernährungsstrategie.
Mit Transparenz und Verbindung regionale Wertschöpfungsketten stärken
Die Vernetzung aller regionalen Akteure der Ernährungslandschaft – von der Erzeugung über die Verarbeitung und den Handel bis hin zum Verbraucher sowie gleichzeitig Institutionen aus Wissenschaft als auch kommunalpolitischen Einrichtungen – ist eine zentrale Aufgabe der Ernährungsräte. „Mit der Regio Challenge möchten wir die Vernetzung ‚Vom Acker bis zum Teller‘ innerhalb der Regionen stärken“, so Heidenreich. „Mit dem Kauf regionaler Produkte erhalten wir nicht nur besonders hochwertige Lebensmittel, sondern können auch Produktion, Verarbeitung, Transport und Arbeitsbedingungen transparent nachvollziehen.“ So kann das eigene Kaufverhalten einen wertvollen Beitrag leisten für ein zukunftsfähiges und nachhaltiges Ernährungssystem.
Alle Infos rund um die Regio Challenge sowie eine Übersicht der teilnehmenden Regionen sind auf der Seite www.ernaehrungsrat-niedersachsen.de zu finden.
Unterstützt wird die Regio Challenge Niedersachsen vom Zentrum für Ernährung und Hauswirtschaft – ZEHN, der Regionalbewegung Niedersachsen, dem Verband der Norddeutschen Direktvermarkter, dem Verband Ökokiste sowie dem Netzwerk Solidarische Landwirtschaft e.V.
Pressemitteilung zum Beschluss des Niedersächsischen Landtags für eine „Gesunde Gemeinschaftsverpflegung. „Dies kann nur der Anfang sein“, so Peter Wogenstein
Hannover, 26. Juni 2025
Nun ist es so weit: die Mehrheit des Landtags beschließt, gesunde Ernährung für Kinder, Jugendliche und Senioren zu fördern. Rund 16 Mio. Essen werden pro Tag in der Gemeinschaftsverpflegung ausgegeben, ein auch aus Sicht der Ernährungsräte wichtiger Hebel für gesunde Ernährung.
„Ernährung ist ein Schlüssel zu Gesundheit, zum sozialen Miteinander und zu nachhaltigem Handeln!“ So begründet MdL Christian Schröder den Antrag für die Fraktionen der SPD und Bündnis 90/ Die Grünen im niedersächsischen Landtag. In seinen Augen „dürfen wir die Schulmensa nicht länger als reinen Versorgungsort sehen, sondern als Teil der pädagogischen Gesamtverantwortung.“ Der Beschluss bedeutet u.a. auch: Modellprojekte in Schulen, die Stärkung der Vernetzungsstellen, Kantinen des Landes zum Vorbild zu machen und die Einrichtung einer interministeriellen Projektgruppe unter Einbezug aller Multiplikatoren. Denn „Ernährung ist eine Querschnittsaufgabe, die Verantwortung liegt in vielen Ressorts“, so eine Forderung der Ernährungsräte.
Ministerin Staudte unterstrich die Notwendigkeit, Essen „gesünder, nahrhafter und leckerer“ zu gestalten. Sie weist auch auf die Vielschichtigkeit des Themas Ernährungsbildung hin. So umfasse es auch „die Stärkung regionaler Wertschöpfung, die Vermeidung von Lebensmittelabfällen, das Bewusstsein für Bio, für Tierwohl, Klimaschutz und nicht zuletzt die Esskultur und das gemeinschaftliche Genusserleben.“ Miriam Staudte dankte am Schluss ihrer Rede allen – von den Landfrauen bis zu den Ernährungsräten -, die sich ehrenamtlich für gesundes Essen engagieren.“
„Der Beschluss kann nur der Anfang sein“, so Peter Wogenstein, Sprecher des Ernährungsrats Niedersachsen. „Wenn wir uns die Folgeschäden ungesunder Ernährung anschauen, zunehmende Adipositas, Diabetes 2 und Folgen für Herz und Kreislauf besonders bei Kindern und Jugendlichen, wenn wir uns die gesellschaftlichen Folgekosten ungesunder Ernährung anschauen, so rund 60 Mrd. EUR pro Jahr (geschätzt von den Sozialverbänden) verbunden mit steigender Ernährungsarmut, Kinder und Jugendliche ohne Frühstück und Essen in der Schule, dann müssen wir und unsere Abgeordneten mehr tun.“
Ernährungsräte fordern deshalb eine beitragsfreie Kita- und Schulverpflegung für alle Kinder und Jugendlichen und eine Neuordnung und Vereinfachung aller Sozialleistungen, von BuT (Bildung und Teilhabe) bis zum Kindergeld. „Das Geld muss dahin kommen, wo es gebraucht wird – gesunde Ernährung auf den Tellern der Kinder und Jugendlichen. Das müssen Kommunen, Länder und Bund gemeinsam noch ´stricken`“, so Peter Wogenstein.
Zum Hintergrund:
Antrag der Fraktion der SPD und der Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen – Drs.19/5661 „Gemeinschaftsverpflegung in Kitas, Schulen, Senioreneinrichtungen, Kantinen und Mensen stärken und an DGE-Standards orientieren“, verabschiedet am 25.06.2025