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5 Jahre Ernährungsrat Niedersachen: Zivilgesellschaftliches Engagement für gesunde Ernährung – Die Herausforderungen bleiben!

Ein Bericht von Peter Wogenstein
Hannover, im Dezember 2025

Ernährungsräte sind ein zivilgesellschaftliches Netzwerk meist in den Städten. Sie bauen eine „Brücke“ zwischen Erzeugung, Verarbeitung, Kantinen, Verbraucher:innen von Lebensmitteln sowie Verwaltung und Politik. Sie ermöglichen einen Austausch aller Akteure entlang der Wertschöpfungskette „vom Acker bis zum Telle“. Gemeinsam suchen sie nach praktischen Wegen, um unser Ernährungssystem auf andere Füße zu stellen, ob privat für jede/n Einzelne/n oder z.B. in Kantinen für Kitas und Schulen. Mehr regional, saisonal und stärker pflanzenbetont sind die Merkpunkte, wenn wir uns gesünder ernähren und unseren Planeten schonen wollen.

Ernährungsräte setzen sich für gesunde Lebensmittel auf allen Tellern für alle ein. Ihre zivilgesellschaftliche Stimme ist wichtig. Ernährungsräte verfolgen keine eigenen ökonomischen Interessen. Sie bewegt, in dem was sie tun, ein „interessenloses Interesse“. So machen Ernährungsräte in Politik und Verwaltung, in Stadt- und Regionalplanung Ernährung zum Thema, regen an, öffentliche Beschaffung nachhaltig zu gestalten und suchen nach Wegen, Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Sie wollen die Vielfalt im Ernährungssystem fördern und praktisch erlebbar machen. Sie wollen die regionale Landwirtschaft und regionale Verarbeitung stärken, auch öffentliche Flächen für regionale Ernährung sichern und nicht zuletzt Mitverantwortung für eine globale Sicht und ein globales Handeln übernehmen.

2016 wurde in Köln der erste deutsche Ernährungsrat gegründet, 2020 der landesweite Ernährungsrat Niedersachsen. Heute zählen wir über 60 bundesweit. Das Institut für Welternährung e.V. (IWE) hat von Ende 2016 bis 2018 zahlreiche Initiativen zur Gründung von Ernährungsräten von Nord- bis Süddeutschland beraten und begleitet. Aber: haben Ernährungsräte in ihrer Arbeit „Erfolg“? Und wenn, „wie“ haben sie das angestellt? Das „Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsen“, als e.V. 2020 gegründet, ist ein Beispiel für fünf Jahre ehrenamtliche Arbeit.

Wir mischen uns ein!

Das Landwirtschaftsministerium lud landesweit zu einem „Barcamp Stadt Land Food Niedersachsen“ am 10. Oktober 2019 in Hannover ein. Wir mischten uns aktiv in die Veranstaltung ein. Das waren Annika Bogon, Ernährungsrat Hannover i.G., und Peter Wogenstein für das IWE. Beide präsentierten Perspektiven der Ernährungsräte zu den Themen „Wozu braucht es Ernährungsräte?“ und „Was hindert uns, ökologische Landwirtschaft zu betreiben?“. Dieser „Auftritt“ machte den Begriff „Ernährungsrat“ im Ministerium und bei den Teilnehmenden aus Niedersachsen bekannter, provozierte aber auch, besonders Vertreter:innen der konventionellen Landwirtschaft. Wir fielen auf, und es half, einen „persönlichen Draht“ zu der Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Barbara Otte-Kinast (CDU), zu knüpfen und einen Gesprächstermin für den 13. Januar 2020 mit der Ministerin in ihrem Büro zu vereinbaren.

Die Streitschrift des IWE „Landwirtschaft am Scheideweg. Nur eine ökologische Landwirtschaft kann zehn Milliarden Menschen ernähren“ war für Dr. Wilfried Bommert, Sprecher des IWE, und Peter Wogenstein Anlass, der Ministerin Otte-Kinast und dem Staatssekretär Prof. Theuvsen unsere Position zur Zukunft der Landwirtschaft in Niedersachsen, der Notwendigkeit einer Transformation der Landwirtschaft zum Schutz von Boden, Wasser und Artenvielfalt, der Transformation des Ernährungssystems und was es dazu braucht vorzustellen und zu diskutieren. Mit dem Aspekt der Umsetzung insbesondere bei Verbraucher:innen kam besonders die Arbeit zivilgesellschaftlicher Netzwerke, so die Arbeit der Ernährungsräte vor Ort in den Fokus. Sie sollten als wichtiges zivilgesellschaftliches Bindeglied zwischen allen Akteuren vom Acker bis zum Teller stärker gefördert werden, auch und gerade durch das Landesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Aber an dieser Stelle verwies die Ministerin darauf, dass die Ernährungsräte auf kommunaler Ebene arbeiten, nicht auf Landesebene. Neben Hannover gab es bereits den Ernährungsrat Oldenburg sowie die Initiativen in Göttingen und Lüneburg, aber keinen Ernährungsrat auf Landesebene.

Trau Dich!

Und damit war die Idee geboren: wir gründen einen Ernährungsrat Niedersachsen. Ein Ernährungsrat, der auch im Sinne des Ministeriums die Arbeit der einzelnen Ernährungsräte auf Landesebene „koordinieren“ kann und – das war der entscheidende Punkt – allen Initiativen eine „Stimme“ auf Landesebene gibt und „Sprachrohr“ der Ernährungsräte und ihrer Anliegen ist.

Und das ging dann auch sehr schnell. Am 2. März 2020 konnten wir der Ministerin mitteilen, dass Göttingen, Hannover, Lüneburg und Oldenburg den „Ernährungsrat Niedersachsen. Netzwerk der Ernährungsräte und Ernährungsinitiativen in Niedersachsen“ gebildet haben. Damit stand ab sofort der Ernährungsrat Niedersachsen als Ansprechpartner auf Landesebene für Ministerien, Parteien und Landesverbände zur Verfügung. Der nächste Termin mit der Ministerin konnte vereinbart werden.

Erste kleine Etappen

Wir stellten am 8. Juni 2020 Ministerin Otte-Kinast und ihrer Fachabteilung unser erstes gemeinsames Thesenpapier der Ernährungsräte vor mit weitreichenden Forderungen zur Umgestaltung der Landwirtschaft, des Ernährungssystems und Ernährungsangebots. Unsere Forderungen reichten von „Mehr Markt für ökologische Erzeugung“ über die Notwendigkeit von „Ernährungsstrategien“ bis „mehr Bio und Regional in den Kantinen der öffentlichen Hand.“ Teil nahmen Judith Busch, Sandra Rose-Fröhlich und Peter Wogenstein gemeinsam mit Wilfried Bommert, Sprecher des IWE, der an das erste Gespräch am 13. Januar 2020 anknüpfen konnte und uns fachlich unterstützte.

Zwar wurden viele unserer Thesen nicht vom Ministerium geteilt, es folgte die Einladung an uns zum Start der Arbeit an einer Ernährungstrategie für Niedersachsen (31. August 2020 in Nienburg) und Ministerin Otte-Kinast berief das Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsen e.V. (noch i.G.) in den Beirat des ZEHN. Wir waren damit von Beginn an in die Arbeit an einer „Ernährungstrategie des Landes Niedersachsens“ eingebunden und konnten dadurch Positionen und Erfahrungen aus der Arbeit der Ernährungsräte zumindest einbringen.

Die Gründungsversammlung des „Netzwerks der Ernährungsräte Niedersachsen e.V.“ fand am 14. Dezember 2020 in Hannover statt, hatte 9 Gründungsmitglieder. Gewählt wurde der erste Vorstand mit Judith Busch, Oldenburg, Walter Dieckmann, Lüneburg, Alina Seiler, Göttingen und Peter Wogenstein, Hannover.

Mit der Anerkennung der Gemeinnützigkeit durch das Finanzamt Hannover Ost dauerte es noch eine Weile. Das Finanzamt – so schien es – hatte die Schwierigkeit zu verstehen, was tun Ernährungsräte überhaupt und wie kann das für das Finanzamt zufriedenstellend formuliert werden. Und: „Ernährungsrat“ geht gar nicht – zumindest in Hannover -, zu viel Nähe zu amtlichen „Räten“. Deshalb musste „Netzwerk“ im Vereinsnamen auftauchen. Mit den gewünschten Korrekturen konnte die 2. Mitgliederversammlung am 30. Juni 2021 die Satzung beschließen, nutzte diesen Tag aber besonders für die Erarbeitung von Positionen für eine niedersächsische Ernährungsstrategie. Am 28. September 2021 erhielten wir dann unseren Feststellungsbescheid gem. § 60a Abs. 1 AO.

Nicht zu vergessen: die laufenden Kosten rund um die ehrenamtliche Arbeit in den ersten fünf Jahren (Büro-, Reisekosten, Notar bis jährliche Kontoführungsgebühren bei der GLS) mussten finanziert werden. Es waren die Spenden des Vorstands, besonders aber das Institut für Welternährung, das uns finanziell den Rücken frei hielt.

Eine (kleine) Erfolgsgeschichte?
Ohne Beharrlichkeit geht es nicht.

Immerhin: der Ernährungsrat Niedersachsen als „Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsens e.V.“ konnte auf Landesebene etwas erreichen. Der Ernährungsrat Niedersachsen

  • wirkte an der Erarbeitung der Ernährungsstrategie Niedersachsens mit. Die Ernährungsstrategie Niedersachsens wurde vom Niedersächsischen Landtag Ende 2021 verabschiedet. Wir hatten uns die Ernährungsstrategie des Landes mit konkreten Zielen und Maßnahmen, einer Zeitlinie und hinterlegten Budgets gewünscht. Sie ist und bleibt jedoch ein wichtiger Bezugspunkt für die Arbeit der Ernährungsräte und eine wichtige Argumentationshilfe gegenüber der Politik („Ihr habt es beschlossen.“). Sie ist zudem Anstoß für Ernährungsstrategien in Städten mit ihrem Umland, wie in Oldenburg geschehen und in Hannover und Region in Arbeit.
  • war am 19. Februar 2025 eingeladen zur Anhörung in den Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft zum Antrag „Gemeinschaftsverpflegung in Kitas, Schulen, Senioreneinrichtungen und Kantinen stärken – DGE-Standards verbindlich umsetzen“, ein Antrag der Fraktion der SPD und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (2025). Eine entsprechende Forderung hatten wir bereits 2020 gestellt. Die „kostenfreie Kita- und Schulverpflegung“ war zumindest als Anspruch formuliert. Der Antrag wurde danach in abgeänderter Form (weniger Verpflichtung) vom Landtag verabschiedet.
  • hat an einer „Strategie gegen Ernährungsarmut im Land Niedersachsen“ mitgearbeitet und versucht, darin Impulse zu setzen. Dreizehn Handlungsfelder wurden als „Fokus Ernährungsarmut“ am 11. Dezember 2025 von der Ministerin vorgestellt. Für uns zentrale Handlungsfelder sind „Die ersten tausend Tage in den Blick nehmen“ und „beitragsfreie und qualitativ hochwertige Kita- und Schulverpflegung“, wird damit doch ein Fokus auf die Altersgruppe der Neugeborenen, der Kinder und Jugendlichen gerichtet, für deren Entwicklung und weiteren Lebensweg gesunde Ernährung besonders wichtig ist.
  • ist seit seiner Gründung 2020 gewachsen von einem Ernährungsrat (Oldenburg seit 2018 unter dem Dach von transfer – Netzwerk nachhaltige Zukunft e. V.) auf sechs Ernährungsräte, die sich als e.V. in Göttingen, Braunschweig, Hannover, Osnabrück und Cuxland/Bremerhaven gegründet haben und vor Ort eine hauptsächlich ehrenamtlich getragene Rolle spielen.
  • ist Ansprechpartner der Landtagsfraktionen in Niedersachsen geworden. Auch wenn uns hin und wieder unterstellt wird, wir „seien doch ein Ableger einer grünen Partei“ – was Ernährungsräte nun wirklich nicht sind -, so können wir glaubhaft versichern: wir sind nicht parteigebunden. Die Grundlage unserer Arbeit ist die von der Mehrheit des Landtags beschlossene Ernährungsstrategie.
  • wird seit dem 1. April 2025 – befristet für zwei Jahre – für den Aufbau einer Geschäftsstelle durch das Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert. Ein Durchbruch nach vier Jahren und ein erster Schritt zu mehr Professionalisierung.

Kleine Erfolge, doch der Widerstand bleibt. Mut ist gefragt.

Immer wieder fragen wir uns: Warum setzen Politiker nicht das um, was sie eigentlich über „gesunde Ernährung“ wissen müssten? Oder was sie über die negativen Auswirkungen ungesunder Ernährung wissen? So z.B. die Folgen von zu viel Zucker für Übergewicht und Diabetes 2 und die hohen Folgekosten für das Gesundheitssystem, nur ein Beispiel. In einer Studie für Großbritannien (November 2024) finden sich vier Gründe, warum Politik für gesunde Ernährung in der Regel scheitert:

  1. Versuche, Einfluss auf das Ernährungsverhalten in der Gesellschaft zu nehmen, werden in der öffentlichen Diskussion wie auch in den Parlamenten vehement als „Bevormundung“ abgetan. („Ich lass mir doch nicht in meinen Kühlschrank regieren.“)
  2. Die massive, gut finanzierte Lobbyarbeit der Lebensmittel- und Agrarindustrie und die Furcht vor negativen Auswirkungen in der Wirtschaft hindern, Einsichten und Wissen in Gesetzen oder Verordnungen umzusetzen. Ehrenamtliche Arbeit hat dagegen eigentlich keine Chance.
  3. Das Thema Ernährung hat es noch nie in die Liste der Top Themen der Politik geschafft. („Es gibt wichtigeres.“)
  4. Keiner will das Thema „Ernährung“ grundlegend anpacken. Ernährung und das Ernährungssystem ist eine komplexe und weitläufige Angelegenheit, die Verantwortung für gesunde Ernährung ist über zahlreiche Ministerien verstreut, da wird jeder Gestaltungsversuch zu einem politischen Such- und Verwirrspiel. Die Briten nennen es: „Whack-the-Mole“ – Fang den Maulwurf. Und das versucht erst keiner. So bleibt das „Problem“ „Gesunde Ernährung für alle“, so auch aktuell die für unsere Wohlstandsgesellschaft erschreckende Tatsache der „Ernährungsarmut“ da hängen, wo es alle hinschieben: beim Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.

Sich trauen. Und „hoch zielen“.
Es muss sein: für eine enkelfähige Zukunft

Politik zu ändern, andere Rahmenbedingungen für gesundes Essen insbesondere für Kinder und Jugendliche, kranke und alte Menschen zu schaffen, ist ein langwieriger Prozess. Es gilt, sich bei so viel „Widrigkeiten“ zu wappnen. Das heißt heute und in Zukunft:
wenn Ernährungsräte etwas bewirken wollen, müssen sie in Stadt und Land

  • zwingende, wissenschaftsbasierte Argumente in einfacher Sprache nutzen.
  • Allianzen mit nahestehenden Organisationen bilden, Ideen und Vorschläge für gesunde Ernährung und entsprechende Aktionen auf eine breite Basis stellen.
  • politische Entscheider als Speerspitze für gesunde Ernährung und eine Ernährungswende gewinnen, ob in der Kommune oder im Land.
    Ernährungsräte müssen
  • sich trauen und „hoch zielen“.

Vieles geschieht bereits in Städten, auf Landes- und Bundesebene mit Nachdruck, als Bewegung „von unten“. Ernährungsräte sind das „Sprachrohr“ der Zivilgesellschaft und können „Brückenbauer“ „vom Acker bis zum Teller“ für eine Ernährungswende sein. Ein langer Weg, der es wert ist zu gehen: für eine enkelfähige Zukunft.

Peter Wogenstein ist Sprecher des Vorstands des Instituts für Welternährung e.V., Gründungsmitglied des Netzwerks der Ernährungsräte Niedersachsen e.V. und Mitglied des Vorstands der Regionalbewegung Niedersachsen e.V. Er arbeitet freiberuflich als systemischer Organisationsberater, Trainer, Coach und Moderator.

Frau steht vor einem Regal mit Gemüse

Niedersachsen stellt Ernährungsarmut in den Fokus Ein Hoffnungsschimmer, aber reicht es?

Ein Kommentar von Peter Wogenstein
Hannover, 11. Dezember 2025

Niedersachsen stellt seit heute Ernährungsarmut in den Fokus. Ein Schritt, der überfällig ist, ist doch jede/r Sechste in unserer Gesellschaft armutsgefährdet. Viel zu viele leiden an Ernährungsarmut. Besonders hart trifft es dann Kinder und Jugendliche in armen und armutsgefährdeten Familien. Eine eingeschränkte körperliche und geistige Entwicklung sind die Folge, soziale und psychische Belastung kommen hinzu, und Kinder in dieser Situation erfinden dann „Geschichten“ – wie heute berichtet wurde -, um mit der erlebten Scham klar zu kommen. Dazu kommen durch mangelnde und schlechte Ernährung gesundheitliche Folgen wie Adipositas und Diabetes 2. So folgt der Armut die Scham, oft verbunden mit Krankheit und Wohnungslosigkeit.

Gründe genug, zu handeln. Und so stellt Miriam Staudte, Niedersächsische Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gleich 13 Handlungsfelder vor, die der Ernährungsarmut und ihren Folgen begegnen sollen. Sie reichen von „Die ersten tausend Tage junger Familien in den Blick nehmen“ über „beitragsfreie und qualitativ hochwertige Kita- und Schulverpflegung“ bis zu „Kosten einer gesundheitsfördernden Ernährung“ in der „staatlichen Grundsicherungsleistung adäquat berücksichtigen“. Dies legt insbesondere den Fokus auf die Altersgruppe der Neugeborenen, der Kinder und Jugendlichen, für deren Entwicklung und weiteren Lebensweg gesunde Ernährung besonders wichtig ist. Die Gruppe der Erwachsenen und alten, oft alleinstehenden Menschen sind in den Handlungsfeldern mit eingeschlossen bis zur Förderung der Tafeln in unserem Land. Ernährungsarmut zieht sich durch alle Altersgruppen, und dafür muss, wie Miriam Staudte ausführt, auch Geld in die Hand genommen werden.

Aber genau das ist das Problem. Hier fehlt es an Geld. Denn der eigentliche Skandal bei der Lektüre der Handlungsfelder gegen Ernährungsarmut ist, wie sehr die Armen unter uns in dieser doch reichen Gesellschaft im Stich gelassen werden. Viele Initiativen sind unterwegs vom Schulfrühstück über Obst in Schulen, Kochen im Viertel bis zur Tafel. Das Grundproblem wird jedoch nicht angegangen durch uns als Gesellschaft und unsere Vertreterinnen und Vertreter des Landes- und des Bundesparlaments.

Wissenschaftliche Studien belegen die Notwendigkeit von möglichst nahrhafter Gesundheit. Skandinavien macht uns schon lange vor, dass kostenfreie gesunde Verpflegung in Schulen machbar ist und belegt auch wissenschaftlich die positiven Auswirkungen für die körperliche und geistige Entwicklung der Kinder.

Bei uns tut sich grundsätzlich und strukturell … wenig. Kein Engagement in der Politik für kostenfreie Kita- und Schulverpflegung, kein Interesse, das komplexe Bündel der Sozialleistungen, das sich über Kommune, Land und Bund zieht, aufzudröseln und zu verschlanken und dafür zu sorgen, dass das Geld dahin kommt, wo es für gesunde Ernährung am meisten gebraucht wir: für die Neugeborenen in den ersten tausend Tagen, für die Kinder und Jugendlichen, für Kranke und alte Menschen. Das wäre auch ein „gesunder“ Schritt Richtung weniger Bürokratie.

Warum hört Politik nicht auf den vom Bundestag eingesetzten Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ und seine Empfehlungen: gut begründet, gerechnet und mit großem Nachdruck dem Bundestag nahegebracht?

Warum scheitert die Politik für gesunde Ernährung?

In einer Studie (November 2024) finden sich die vier wichtigsten Gründe, warum Politik für gesunde Ernährung scheitert:

  • 1. Versuche, Einfluss auf das Ernährungsverhalten in der Gesellschaft zu nehmen, werden in der öffentlichen Diskussion vehement als „Bevormundung“ abgetan.
  • 2. Die massive Lobbyarbeit der Lebensmittelindustrie und die Furcht vor negativen Auswirkungen in der Wirtschaft hindern, Einsichten und Wissen in Gesetze umzusetzen.
  • 3. Das Thema Ernährung hat es noch nie in die Liste der Topthemen der Politik geschafft.
  • 4. Die Verantwortung für gesunde Ernährung ist über zahlreiche Ministerien verstreut. Da Ernährung und das Ernährungssystem eine komplexe und weitläufige Angelegenheit sind, wird jeder Gestaltungsversuch zu einem politischen Such- und Verwirrspiel. Die Briten nennen es: „Whack-the-Mole“ – Fang den Maulwurf.

So bleibt das „Problem“ „Gesunde Ernährung für alle“ und „Ernährungsarmut da hängen, wo es alle hinschieben: beim Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Das bemüht sich sehr. Doch es braucht mehr. So auch eine laute zivilgesellschaftliche Stimme, die die Politik vor Ort, im Land und im Bund auf den Missstand immer wieder hinweist.

Peter Wogenstein ist Sprecher des Vorstands des Instituts für Welternährung (IWE) und Gründer des „Netzwerks der Ernährungsräte Niedersachsens“

Das Fokusheft Ernährungsarmut sowie Niedersachsens Ernährungsstrategie gibt es hier zum Download
> https://www.ernaehrungsstrategie-niedersachsen.de/

Menschenmenge - Pixabay Gerd Altmann

Gesunde Ernährung für unsere Kinder und Bürgerbeteiligung: Das endgültige Aus durch CDU/CSU

Hannover, 28. November 2025
Ein Kommentar von Peter Wogenstein

Nun ist so weit. Die Bürgerbeteiligung auf Bundesebene stirbt und damit auch die Empfehlungen des Bürgerrats „Ernährung im Wandel“. War vor Einsetzung des Bürgerrats der Widerstand der CDU/CSU Fraktion schon deutlich zu spüren, so wird jetzt das Ausrufezeichen gesetzt. Die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) löst die Stabsstelle für Bürgerbeteiligung auf. Ein Schlag ins Gesicht engagierter Bürgerinnen und Bürger.

Man fürchte – so heißt es nicht nur hinter den Kulissen – eine ´Untergrabung der Souveränität` der gewählten Bundestagsabgeordneten. Das sind von uns allen gewählte Abgeordnete, die die Anliegen der Menschen in Deutschland vertreten sollen. Nur, sie sind und können nicht Expertinnen und Experten auf allen Gebieten sein. Aber sie sollten – wenn wir schon einmal gefragt werden – ein „Ohr“ für uns alle haben: Was ist der Bevölkerung wichtig in Sachen Ernährung?

Wir erinnern uns an den Auftrag des Bundestags

Am 10. Mai 2023 beauftragt der Deutsche Bundestag einen Bürgerrat „Ernährung im Wandel“, Empfehlungen zur Ernährungspolitik zu erarbeiten. 160 ausgeloste Bürgerinnen und Bürger, ein Querschnitt unserer Bevölkerung, alle Altersgruppen und Lebenslagen, Stadt und Land, Immobilienmakler und Hausfrau, verschiedenste Perspektiven in Sachen Ernährung treffen aufeinander.

Sie setzen sich über lange Zeit mit den Fragen von gesunder Ernährung von Zucker bis Mehrwertsteuer auseinander, studieren wissenschaftliche Ergebnisse und lassen sich von Wissenschaftlern beraten. Harte engagierte Arbeit zu einem Thema, zu dem sich die wenigsten unserer Abgeordneten tiefgreifend äußern können. Im Februar 2024 legen sie ihre Empfehlungen vor: mit überwiegender Mehrheit, auf den Punkt formuliert, begründet und mit Fakten und Zahlen hinterlegt.

So zum Beispiel: gesundes, kostenfreies Mittagessen für Kinder, eine Altersgrenze für Energiedrinks, mehr Transparenz über Tierhaltung und Herkunft der Produkte oder die Erlaubnis zur Weitergabe genießbarer aber unverkaufter Lebensmittel im Einzelhandel.
Daraus wurden insgesamt neun erarbeitete Empfehlungen für die Abgeordneten des Bundestags.

Und was ist daraus geworden?

Nichts. Bis auf wenige Anhörungen. Und nun das endgültige Ende. Bürgerräte können das „Vertrauen in die Politik stärken“ und „neue Impulse geben“, so einst Wolfgang Schäuble (CDU). Aber das haben seine Partei und ihre Abgeordneten vergessen. Und die begründete, wissenschaftlich unterlegte Empfehlung „Kostenfreies Mittagessen für alle Kinder“ müssen wir „begraben“.

Und noch schlimmer: Für den Erhalt unserer Demokratie bedarf es einer politischen Kultur des Gemeinsinns, für die Bürgerinnen und Bürger eine Mitverantwortung tragen. Die Mitglieder des Bürgerrats „Ernährung im Wandel“ haben ihre Verantwortung ernst genommen. Nicht nur sie sind bitter enttäuscht.

REGIOtalk zum Niedersächsischen Weg

Sicherheit in Krisen braucht regionale Nahversorgung – und die muss ausgebaut werden!

Impulse des Bundestreffen der Regionalbewegung in Schneverdingen

„Der Regionalgedanke ist die Sicherheitsarchitektur der Globalisierung – Nahversorgungsregionen sind die Elemente dieser Sicherheitsarchitektur“ – unter diesem Leitsatz des Bundestreffens der Regionalbewegung wurden wertvolle Einblicke in die Praxis möglich, so Exkursionen z.B. zum Bio-Großhändler Naturkost Nord und zur Höpen Schäferei, um die Wertschöpfungskette rund um Wolle & Schaf näher zu beleuchten. Ein REGIOpitch und Wissensmarkt gaben Einblicke in innovative Projekte von der „digitalen Küchenkraft“, „samenfestes Gemüse“ regionaler Kichererbsen Anbau bis zum 24/7 Tante Emma Laden in kleineren Orten. Der immer teurer werdende Zugang zu Land wie die Herausforderung einer gesunden Ernährung in der Gemeinschaftsverpflegung wurden ebenfalls intensiv diskutiert.

Der „Niedersächsische Weg“ im Fokus (REGIOtalk)

Im REGIOtalk wurde der Niedersächsische Weg mit Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte und Vertreter*innen des Niedersächsischen Landvolks, des Verbands der Norddeutschen Direktvermarkter, des NABU Niedersachsen sowie des Kompetenznetzwerks Ökolandbau Niedersachsen näher beleuchtet, moderiert von Holger Belz, Regionalbewegung Niedersachsen, und Peter Wogenstein, Ernährungsrat Niedersachsen.

Schnell einig war sich die Runde über die Bedeutung des Niedersächsischen Wegs. „Es ist der Raum für Austausch, Verständnis der verschiedenen Positionen und die Suche nach Gemeinsamkeiten“, so Ministerin Staudte, auch mit Hinweis auf bereits angestoßene Regelungen und umgesetzte Projekte zum Schutz von Wäldern und Gewässern. Deutlich wurde auch: der Niedersächsische Weg ist der Beginn eines Prozesses, der konsequent und transparent weitergeführt werden muss, auch um viele „bürokratische“ Hürden zu beseitigen.

Was regionale Strukturen wirklich brauchen (Fish Bowl-Diskussion)

Der Erhalt regionaler Strukturen wurde mit Vertreter*innen aus Politik, Handel und Verbänden in Form einer Fish Bowl lebendig vertieft. Alle Teilnehmenden wurden aktiv an der Diskussion beteiligt. Deutlich wurde u.a., dass die wahren Preise der meisten, nicht nachhaltig produzierter Produkte für Verbraucher nicht abgebildet werden. Hier sind insbesondere Handel und Politik gefragt, um verbindliche Rahmenbedingungen für nachhaltige Strukturen zu schaffen und regionale Wertschöpfungsketten zu stärken.

Hindernisse für Projekte

Immer wieder wurden besonders die hohe Kompetenz und die breite Expertise der oft ehrenamtlich Tätigen in Projekten hervorgehoben. „Viele dieser Menschen leiden an ‚Projektitis‘,“, so Hilke Feddersen, Naturpark Lüneburger Heide. Es fehle an Planbarkeit durch begrenzte Projektlaufzeiten, hinzu komme überbordende Antrags- und Dokumentationspflicht.

Umweltmister Christian Meyer brachte es am Beispiel der Wolfgefahr für Schäfer mit ihren Herden auf den Punkt: „Die Problemlösung muss in der Hand dessen bleiben, der Experte für die Lösung ist.“ Politik und Verwaltung müssen einfach und unbürokratisch helfen.

Handlungsempfehlungen

Wenn Politik die Stärkung und der Erhalt regionaler Versorgungsstrukturen wichtig ist, muss sie mit daran arbeiten, dass

  • regionaler Wertschöpfungszentren aufgebaut werden,
  • bestehende regionale Verarbeitungsbetriebe erhalten bleiben und damit
  • die notwendigen Rahmenbedingungen hin zu einer nachhaltigen und regionalen Grundversorgung geschaffen werden,
  • eine ressortübergreifende Zusammenarbeit zwischen Agrar-, Umwelt-, Bildungs-, Wirtschafts- und Sozialministerium ermöglicht wird, denn Ernährung, Ernährungssicherheit und Nachhaltigkeit sind Querschnittsthemen,
  • die Beantragung und Abwicklung von Fördermitteln einfach gestaltet werden.

Ein starkes Signal für regionale Resilienz

Das Bundestreffen war geprägt von Offenheit und gegenseitigem Interesse. Die breite Vernetzung und die vielfältigen inhaltlichen Impulse zeigen: Regionale Strukturen sind kein Nischenthema, sondern ein zentraler Bestandteil zukunftsfähiger Versorgung und gesellschaftlicher Resilienz. „Wir in der Stadt brauchen die Regionen in der Zukunft umso mehr: sie sichern unsere Grundversorgung und haben dies in der Coronazeit bereits bewiesen“, so Peter Wogenstein, Sprecher des Ernährungsrats Niedersachsen. „Um resilient zu werden, brauchen wir Städter mehr landwirtschaftliche Produkte vor unserer „Haustür“, in der Region.“ Was möglich ist, zeigen Studien zur regionalen Versorgung in Leipzig, Hamburg und München.

Foto: REGIOtalk „Niedersächsischer Weg“ mit Holger Belz (Landesverband Regionalbewegung Niedersachsen – Moderation), Miriam Staudte (Niedersächsische Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft), Carolin Grieshop (Kompetenznetzwerk Ökolandbau Niedersachsen), Eberhard Prunzel-Ulrich (Vereinigung Norddeutscher Direktvermarkter), Dr. Holger Buschmann (NABU Niedersachsen), Hubertus Berges (Landvolk Niedersachsen Landesbauernverband), Peter Wogenstein (Sprecher des Ernährungsrats Niedersachsen – Moderation) von links nach rechts
Quelle: S. Heidenreich, Ernährungsrat Niedersachsen

Gesunde Ernährung: Kinder bleiben im Regen stehen

Gesunde Ernährung für unsere Kinder spielt im Koalitionsvertrag keine Rolle – Ein Kommentar von Peter Wogenstein

Gesunde Ernährung ist im vorliegenden Koalitionsvertrag kein Thema. Hatte die CDU / CSU sich schon vor der Bundestagswahl gegen Maßnahmen für eine gesündere Ernährungsumgebung ausgesprochen, so ist vom Engagement der SPD für die Empfehlungen des Bürgerrats „Ernährung im Wandel“ wenig zu spüren. Wir erinnern uns: die Abgeordneten des Bundestages hatten 2023 den Bürgerrat einberufen und beauftragt, Empfehlungen für die Abgeordneten zu erarbeiten. Diese Empfehlungen liegen sehr ausführlich begründet seit Februar 2024 vor. Nichts davon findet sich im Koalitionsvertrag. Schlimmer noch: Dem Prozess der Bürgerbeteiligung wird eine Absage erteilt, Engagement aus der Zivilgesellschaft erhält eine Abfuhr.

Im Koalitionsvertrag findet sich nichts von dem, was nachweislich unseren Kindern hilft:

  • kein beitragsfreies, gesundes Mittagessen für alle Kinder in Kitas und Schulen
  • keine Werbebeschränkung von ungesunden Produkten für Kinder
  • keine Steuer auf Zucker und zuckerhaltige Getränke
  • keine verpflichtende, für die Verbrauer:innen leicht zu verstehende Kennzeichnung auf hoch verarbeiteten Produkten der Lebensmittelindustrie

Die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen findet in der neuen Regierung keinen Anwalt.

Damit werden auch vorliegende Studien der Wissenschaft weiter ignoriert. So u.a. das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats des Bundeslandwirtschaftsministerium aus dem Jahr 2020 und die vielen wissenschaftlichen Studien zu den Auswirkungen ungesunder Ernährung. Dass die gesundheitlichen Folgen ungesunder Ernährung auf ca. 60 Mrd. pro Jahr geschätzt werden – so Gesundheitsverbände -, scheint in der neuen Koalition immer noch nicht angekommen zu sein.

„Wir fördern verstärkt Bewegung und gesunde Ernährung, insbesondere von Kindern und Jugendlichen“, lesen wir im Koalitionsvertrag, aber nichts Konkretes. Eigentlich bleibt es wie bisher: die Verantwortung für Ernährung wird den Konsument:innen, Jung und Alt zugeschoben. Statt an Produkten und Werbung etwas zu verändern, notwenige Rahmenbedingungen für eine gesunde Ernährung zu setzen, trifft jegliche „Schuld“, jegliche Auswirkung ungesunder Ernährung die „mündigen“ Konsument:innen.

Warum ist das so?

Der Widerstand gegenüber einer Veränderung in unserem Ernährungssystem ist groß. Wir wissen das eigentlich. Aber es ist notwendig, sich die Hintergründe nochmals bewusst zu machen.

In einer aktuellen Studie aus Großbritannien wurden alle ehemaligen politischen Entscheider, Prime Minister und Minister persönlich befragt, warum sie trotz ihres Wissens über die negativen Auswirkungen ungesunder Ernährung nichts oder nur wenig aktiv getan haben. Dabei legten sie die in ihren Augen vier wichtigsten Gründe offen, warum Politik für gesunde Ernährung scheitert:

1. Versuche der politischen Entscheider, Einfluss auf das Ernährungsverhalten in der Gesellschaft zu nehmen, werden in der öffentlichen Diskussion vehement als „Bevormundung“ abgetan. Man empört sich über den Eingriff in die „persönliche Entscheidungsfreiheit“.

2. Die Entscheider sind sich der negativen Auswirkungen hochverarbeiteter Lebensmittel bewusst. Zucker macht süchtig. „Wollen wir uns zu Tode essen?“, fragt jüngst selbst die eher konservative FAZ am Sonntag. Aber die massive Lobbyarbeit der Lebensmittelindustrie und die Furcht vor negativen Auswirkungen in der Wirtschaft hindert Entscheider daran, Einsichten und Wissen in Gesetzen und Verordnungen umzusetzen.

3. Das Thema Ernährung und Einsicht in den Zusammenhang von hochverarbeiteten Lebensmitteln und Erkrankungen hat es noch nie in die Liste der Top Themen der Politik geschafft.

4. Da Ernährung und das Ernährungssystem eine komplexe, vielschichtige und weitläufige Angelegenheit ist, wird jeder Gestaltungsversuch zu einem politischen Such- und Verwirrspiel (die Briten nennen es: „Whack-the-Mole“- Triff den Maulwurf). Die Verantwortung für gesunde Ernährung ist über zahlreiche Ministerien verstreut. Eine übergreifende Zusammenarbeit gelingt nicht oder nur schwer.

Verwundert sind wir also nicht über den Inhalt des Koalitionsvertrags zur Frage, wie konkret besonders Kinder und Jugendliche gesund ernährt werden können, auch nichts zum Abbau von Ernährungsarmut. Aber alle, die wissenschaftliche Erkenntnisse und Empfehlungen des Bürgerrats ernst nehmen, sind verärgert.

Fazit: Die Lebensmittelindustrie hat weiterhin ihren Fuß in der Tür. Und das verheißt nichts Gutes. Protest ist dringend notwendig. Diese Koalition wird von allein keine Wende unseres Ernährungssystems bringen.

Gemüsesuppe

„Gemeinsam für gutes Essen sorgen“ – Artikel von Peter Wogenstein in Ökologie & Landbau

Peter Wogenstein, Sprecher des Netzwerks Ernäh­rungsräte Niedersachsens e. V., beschreibt in seinem Artikel „Gemeinsam für gutes Essen sorgen“, was die Menschen antreibt, die sich in zahlreichen Städten und Regionen in Ernährungsräten für ein nachhaltiges Ernährungsystem engagieren, was sie erreichen wollen und wie weit sie schon gekommen sind. Der Artikel wurde in der Ausgabe 2/2025 „Ökologie & Landbau“ veröffentlicht.

Ernährungsräte Niedersachsen zu Besuch im Landwirtschaftsministerium

Die neue Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte hat ein offenes Ohr für die Sorgen der Ernährungsräte in Niedersachsen

Hannover, der 16. Januar 2023

Seit gut 3 Jahren sorgt der Ernährungsrat Niedersachsen für den Austausch der Ernährungsräte und Ernährungsinitiativen im Land untereinander, berät und begleitet junge Ernährungsräte und Initiativen vor Ort, stellt Materialien zur Verfügung, organisiert Treffen und Weiterbildung, vernetzt Aktivitäten, moderiert Veranstaltungen, macht die notwendigen Büro- und Verwaltungsarbeiten, unterstützt bei der Formulierung von Projektanträgen. All dies und mehr geschieht in der Regel ehrenamtlich.

Für diese Sorgen und Hürden für die Arbeit der Ernährungsräte im Flächenland Niedersachen, so die Förderrichtlinien des Landes für Ernährungsprojekte, hat Miriam Staudte in einem ersten Kennenlern-Gespräch ein offenes Ohr. Einig sind sich alle am Tisch Versammelten: die meist ehrenamtliche Tätigkeit der Ernährungsräte vor Ort ist wichtig und braucht Unterstützung.  Geht es doch konkret z.B. um gesunde Kita- und Schulverpflegung („Klarer Kopf sucht gute Nahrung“) statt „Nur billig essen“. So fordert der Koalitionsvertrag „Schulmensen zu Lernorten“ zu machen. Ernährungsräte würden sich gerne dafür engagieren, aber ehrenamtliche Arbeit hat Grenzen.

Katrin Hille, ER Göttingen, Staatssekretär Dr. Michael Marahrens, Peter Wogenstein, Sprecher ER Niedersachsen, Judith Busch, ER Oldenburg, Ministerin Miriam Staudte, Daria Kistner, ER Hannover (von links nach rechts; Bild: Peter Wogenstein)

Gerade die Kantinen als Großverbraucher sind aus Sicht der Ernährungsräte ein wichtiger Hebel für eine drängende Ernährungswende. Ernährungsräte helfen dabei und vernetzen Akteure der Ernährungslandschaft aus der Region, so die Erzeuger, Verarbeiter, den Handel, die Konsumenten, Verwaltung und Wirtschaft. Sie stoßen damit eine Ernährungswende vor Ort an. Ernährungsräte kümmern sich weiterhin um Lebensmittelwertschätzung und Ernährungsbildung, wollen Lebensmittel aus der Region fördern, legen den Finger in die Wunde der fehlenden regionalen Verarbeitungsstrukturen und vieles mehr.

Ernährung ist ein gesellschaftspolitisches Querschnittsthema, auch das machen die Ernährungsräte im Gespräch mit der Ministerin deutlich. Das Ministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz kann eine Ernährungswende im Land Niedersachsen allein nicht stemmen. Mehrere gehören an einen Tisch, so die Ministerien für Umweltschutz (Klimafolgen), Gesundheit (ernährungsbedingte Erkrankungen und Folgekosten, z.B. bei Adipositas, Diabetes 2), Soziales (Teilhabe für alle, Armut), Schule (frühes praxisorientiertes und nachhaltiges Lernen und Verhalten), Justiz (rechtliche Rahmenbedingungen), Finanzen (Budget), um mit den Akteuren vom „Acker bis zum Teller“ eine Ernährungswende wirklich und nachhaltig voranzubringen.

Der Koalitionsvertrag 2022-2027 wie auch die Ernährungsstrategie Niedersachsen beschreiben die Notwendigkeit einer „Transformation“ des Ernährungssystems. An der Umsetzung wollen und werden sich die Ernährungsräte – mit den zurzeit begrenzten Möglichkeiten – landesweit beteiligen.