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5 Jahre Ernährungsrat Niedersachen: Zivilgesellschaftliches Engagement für gesunde Ernährung – Die Herausforderungen bleiben!

Ein Bericht von Peter Wogenstein
Hannover, im Dezember 2025

Ernährungsräte sind ein zivilgesellschaftliches Netzwerk meist in den Städten. Sie bauen eine „Brücke“ zwischen Erzeugung, Verarbeitung, Kantinen, Verbraucher:innen von Lebensmitteln sowie Verwaltung und Politik. Sie ermöglichen einen Austausch aller Akteure entlang der Wertschöpfungskette „vom Acker bis zum Telle“. Gemeinsam suchen sie nach praktischen Wegen, um unser Ernährungssystem auf andere Füße zu stellen, ob privat für jede/n Einzelne/n oder z.B. in Kantinen für Kitas und Schulen. Mehr regional, saisonal und stärker pflanzenbetont sind die Merkpunkte, wenn wir uns gesünder ernähren und unseren Planeten schonen wollen.

Ernährungsräte setzen sich für gesunde Lebensmittel auf allen Tellern für alle ein. Ihre zivilgesellschaftliche Stimme ist wichtig. Ernährungsräte verfolgen keine eigenen ökonomischen Interessen. Sie bewegt, in dem was sie tun, ein „interessenloses Interesse“. So machen Ernährungsräte in Politik und Verwaltung, in Stadt- und Regionalplanung Ernährung zum Thema, regen an, öffentliche Beschaffung nachhaltig zu gestalten und suchen nach Wegen, Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Sie wollen die Vielfalt im Ernährungssystem fördern und praktisch erlebbar machen. Sie wollen die regionale Landwirtschaft und regionale Verarbeitung stärken, auch öffentliche Flächen für regionale Ernährung sichern und nicht zuletzt Mitverantwortung für eine globale Sicht und ein globales Handeln übernehmen.

2016 wurde in Köln der erste deutsche Ernährungsrat gegründet, 2020 der landesweite Ernährungsrat Niedersachsen. Heute zählen wir über 60 bundesweit. Das Institut für Welternährung e.V. (IWE) hat von Ende 2016 bis 2018 zahlreiche Initiativen zur Gründung von Ernährungsräten von Nord- bis Süddeutschland beraten und begleitet. Aber: haben Ernährungsräte in ihrer Arbeit „Erfolg“? Und wenn, „wie“ haben sie das angestellt? Das „Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsen“, als e.V. 2020 gegründet, ist ein Beispiel für fünf Jahre ehrenamtliche Arbeit.

Wir mischen uns ein!

Das Landwirtschaftsministerium lud landesweit zu einem „Barcamp Stadt Land Food Niedersachsen“ am 10. Oktober 2019 in Hannover ein. Wir mischten uns aktiv in die Veranstaltung ein. Das waren Annika Bogon, Ernährungsrat Hannover i.G., und Peter Wogenstein für das IWE. Beide präsentierten Perspektiven der Ernährungsräte zu den Themen „Wozu braucht es Ernährungsräte?“ und „Was hindert uns, ökologische Landwirtschaft zu betreiben?“. Dieser „Auftritt“ machte den Begriff „Ernährungsrat“ im Ministerium und bei den Teilnehmenden aus Niedersachsen bekannter, provozierte aber auch, besonders Vertreter:innen der konventionellen Landwirtschaft. Wir fielen auf, und es half, einen „persönlichen Draht“ zu der Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Barbara Otte-Kinast (CDU), zu knüpfen und einen Gesprächstermin für den 13. Januar 2020 mit der Ministerin in ihrem Büro zu vereinbaren.

Die Streitschrift des IWE „Landwirtschaft am Scheideweg. Nur eine ökologische Landwirtschaft kann zehn Milliarden Menschen ernähren“ war für Dr. Wilfried Bommert, Sprecher des IWE, und Peter Wogenstein Anlass, der Ministerin Otte-Kinast und dem Staatssekretär Prof. Theuvsen unsere Position zur Zukunft der Landwirtschaft in Niedersachsen, der Notwendigkeit einer Transformation der Landwirtschaft zum Schutz von Boden, Wasser und Artenvielfalt, der Transformation des Ernährungssystems und was es dazu braucht vorzustellen und zu diskutieren. Mit dem Aspekt der Umsetzung insbesondere bei Verbraucher:innen kam besonders die Arbeit zivilgesellschaftlicher Netzwerke, so die Arbeit der Ernährungsräte vor Ort in den Fokus. Sie sollten als wichtiges zivilgesellschaftliches Bindeglied zwischen allen Akteuren vom Acker bis zum Teller stärker gefördert werden, auch und gerade durch das Landesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Aber an dieser Stelle verwies die Ministerin darauf, dass die Ernährungsräte auf kommunaler Ebene arbeiten, nicht auf Landesebene. Neben Hannover gab es bereits den Ernährungsrat Oldenburg sowie die Initiativen in Göttingen und Lüneburg, aber keinen Ernährungsrat auf Landesebene.

Trau Dich!

Und damit war die Idee geboren: wir gründen einen Ernährungsrat Niedersachsen. Ein Ernährungsrat, der auch im Sinne des Ministeriums die Arbeit der einzelnen Ernährungsräte auf Landesebene „koordinieren“ kann und – das war der entscheidende Punkt – allen Initiativen eine „Stimme“ auf Landesebene gibt und „Sprachrohr“ der Ernährungsräte und ihrer Anliegen ist.

Und das ging dann auch sehr schnell. Am 2. März 2020 konnten wir der Ministerin mitteilen, dass Göttingen, Hannover, Lüneburg und Oldenburg den „Ernährungsrat Niedersachsen. Netzwerk der Ernährungsräte und Ernährungsinitiativen in Niedersachsen“ gebildet haben. Damit stand ab sofort der Ernährungsrat Niedersachsen als Ansprechpartner auf Landesebene für Ministerien, Parteien und Landesverbände zur Verfügung. Der nächste Termin mit der Ministerin konnte vereinbart werden.

Erste kleine Etappen

Wir stellten am 8. Juni 2020 Ministerin Otte-Kinast und ihrer Fachabteilung unser erstes gemeinsames Thesenpapier der Ernährungsräte vor mit weitreichenden Forderungen zur Umgestaltung der Landwirtschaft, des Ernährungssystems und Ernährungsangebots. Unsere Forderungen reichten von „Mehr Markt für ökologische Erzeugung“ über die Notwendigkeit von „Ernährungsstrategien“ bis „mehr Bio und Regional in den Kantinen der öffentlichen Hand.“ Teil nahmen Judith Busch, Sandra Rose-Fröhlich und Peter Wogenstein gemeinsam mit Wilfried Bommert, Sprecher des IWE, der an das erste Gespräch am 13. Januar 2020 anknüpfen konnte und uns fachlich unterstützte.

Zwar wurden viele unserer Thesen nicht vom Ministerium geteilt, es folgte die Einladung an uns zum Start der Arbeit an einer Ernährungstrategie für Niedersachsen (31. August 2020 in Nienburg) und Ministerin Otte-Kinast berief das Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsen e.V. (noch i.G.) in den Beirat des ZEHN. Wir waren damit von Beginn an in die Arbeit an einer „Ernährungstrategie des Landes Niedersachsens“ eingebunden und konnten dadurch Positionen und Erfahrungen aus der Arbeit der Ernährungsräte zumindest einbringen.

Die Gründungsversammlung des „Netzwerks der Ernährungsräte Niedersachsen e.V.“ fand am 14. Dezember 2020 in Hannover statt, hatte 9 Gründungsmitglieder. Gewählt wurde der erste Vorstand mit Judith Busch, Oldenburg, Walter Dieckmann, Lüneburg, Alina Seiler, Göttingen und Peter Wogenstein, Hannover.

Mit der Anerkennung der Gemeinnützigkeit durch das Finanzamt Hannover Ost dauerte es noch eine Weile. Das Finanzamt – so schien es – hatte die Schwierigkeit zu verstehen, was tun Ernährungsräte überhaupt und wie kann das für das Finanzamt zufriedenstellend formuliert werden. Und: „Ernährungsrat“ geht gar nicht – zumindest in Hannover -, zu viel Nähe zu amtlichen „Räten“. Deshalb musste „Netzwerk“ im Vereinsnamen auftauchen. Mit den gewünschten Korrekturen konnte die 2. Mitgliederversammlung am 30. Juni 2021 die Satzung beschließen, nutzte diesen Tag aber besonders für die Erarbeitung von Positionen für eine niedersächsische Ernährungsstrategie. Am 28. September 2021 erhielten wir dann unseren Feststellungsbescheid gem. § 60a Abs. 1 AO.

Nicht zu vergessen: die laufenden Kosten rund um die ehrenamtliche Arbeit in den ersten fünf Jahren (Büro-, Reisekosten, Notar bis jährliche Kontoführungsgebühren bei der GLS) mussten finanziert werden. Es waren die Spenden des Vorstands, besonders aber das Institut für Welternährung, das uns finanziell den Rücken frei hielt.

Eine (kleine) Erfolgsgeschichte?
Ohne Beharrlichkeit geht es nicht.

Immerhin: der Ernährungsrat Niedersachsen als „Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsens e.V.“ konnte auf Landesebene etwas erreichen. Der Ernährungsrat Niedersachsen

  • wirkte an der Erarbeitung der Ernährungsstrategie Niedersachsens mit. Die Ernährungsstrategie Niedersachsens wurde vom Niedersächsischen Landtag Ende 2021 verabschiedet. Wir hatten uns die Ernährungsstrategie des Landes mit konkreten Zielen und Maßnahmen, einer Zeitlinie und hinterlegten Budgets gewünscht. Sie ist und bleibt jedoch ein wichtiger Bezugspunkt für die Arbeit der Ernährungsräte und eine wichtige Argumentationshilfe gegenüber der Politik („Ihr habt es beschlossen.“). Sie ist zudem Anstoß für Ernährungsstrategien in Städten mit ihrem Umland, wie in Oldenburg geschehen und in Hannover und Region in Arbeit.
  • war am 19. Februar 2025 eingeladen zur Anhörung in den Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft zum Antrag „Gemeinschaftsverpflegung in Kitas, Schulen, Senioreneinrichtungen und Kantinen stärken – DGE-Standards verbindlich umsetzen“, ein Antrag der Fraktion der SPD und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (2025). Eine entsprechende Forderung hatten wir bereits 2020 gestellt. Die „kostenfreie Kita- und Schulverpflegung“ war zumindest als Anspruch formuliert. Der Antrag wurde danach in abgeänderter Form (weniger Verpflichtung) vom Landtag verabschiedet.
  • hat an einer „Strategie gegen Ernährungsarmut im Land Niedersachsen“ mitgearbeitet und versucht, darin Impulse zu setzen. Dreizehn Handlungsfelder wurden als „Fokus Ernährungsarmut“ am 11. Dezember 2025 von der Ministerin vorgestellt. Für uns zentrale Handlungsfelder sind „Die ersten tausend Tage in den Blick nehmen“ und „beitragsfreie und qualitativ hochwertige Kita- und Schulverpflegung“, wird damit doch ein Fokus auf die Altersgruppe der Neugeborenen, der Kinder und Jugendlichen gerichtet, für deren Entwicklung und weiteren Lebensweg gesunde Ernährung besonders wichtig ist.
  • ist seit seiner Gründung 2020 gewachsen von einem Ernährungsrat (Oldenburg seit 2018 unter dem Dach von transfer – Netzwerk nachhaltige Zukunft e. V.) auf sechs Ernährungsräte, die sich als e.V. in Göttingen, Braunschweig, Hannover, Osnabrück und Cuxland/Bremerhaven gegründet haben und vor Ort eine hauptsächlich ehrenamtlich getragene Rolle spielen.
  • ist Ansprechpartner der Landtagsfraktionen in Niedersachsen geworden. Auch wenn uns hin und wieder unterstellt wird, wir „seien doch ein Ableger einer grünen Partei“ – was Ernährungsräte nun wirklich nicht sind -, so können wir glaubhaft versichern: wir sind nicht parteigebunden. Die Grundlage unserer Arbeit ist die von der Mehrheit des Landtags beschlossene Ernährungsstrategie.
  • wird seit dem 1. April 2025 – befristet für zwei Jahre – für den Aufbau einer Geschäftsstelle durch das Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert. Ein Durchbruch nach vier Jahren und ein erster Schritt zu mehr Professionalisierung.

Kleine Erfolge, doch der Widerstand bleibt. Mut ist gefragt.

Immer wieder fragen wir uns: Warum setzen Politiker nicht das um, was sie eigentlich über „gesunde Ernährung“ wissen müssten? Oder was sie über die negativen Auswirkungen ungesunder Ernährung wissen? So z.B. die Folgen von zu viel Zucker für Übergewicht und Diabetes 2 und die hohen Folgekosten für das Gesundheitssystem, nur ein Beispiel. In einer Studie für Großbritannien (November 2024) finden sich vier Gründe, warum Politik für gesunde Ernährung in der Regel scheitert:

  1. Versuche, Einfluss auf das Ernährungsverhalten in der Gesellschaft zu nehmen, werden in der öffentlichen Diskussion wie auch in den Parlamenten vehement als „Bevormundung“ abgetan. („Ich lass mir doch nicht in meinen Kühlschrank regieren.“)
  2. Die massive, gut finanzierte Lobbyarbeit der Lebensmittel- und Agrarindustrie und die Furcht vor negativen Auswirkungen in der Wirtschaft hindern, Einsichten und Wissen in Gesetzen oder Verordnungen umzusetzen. Ehrenamtliche Arbeit hat dagegen eigentlich keine Chance.
  3. Das Thema Ernährung hat es noch nie in die Liste der Top Themen der Politik geschafft. („Es gibt wichtigeres.“)
  4. Keiner will das Thema „Ernährung“ grundlegend anpacken. Ernährung und das Ernährungssystem ist eine komplexe und weitläufige Angelegenheit, die Verantwortung für gesunde Ernährung ist über zahlreiche Ministerien verstreut, da wird jeder Gestaltungsversuch zu einem politischen Such- und Verwirrspiel. Die Briten nennen es: „Whack-the-Mole“ – Fang den Maulwurf. Und das versucht erst keiner. So bleibt das „Problem“ „Gesunde Ernährung für alle“, so auch aktuell die für unsere Wohlstandsgesellschaft erschreckende Tatsache der „Ernährungsarmut“ da hängen, wo es alle hinschieben: beim Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.

Sich trauen. Und „hoch zielen“.
Es muss sein: für eine enkelfähige Zukunft

Politik zu ändern, andere Rahmenbedingungen für gesundes Essen insbesondere für Kinder und Jugendliche, kranke und alte Menschen zu schaffen, ist ein langwieriger Prozess. Es gilt, sich bei so viel „Widrigkeiten“ zu wappnen. Das heißt heute und in Zukunft:
wenn Ernährungsräte etwas bewirken wollen, müssen sie in Stadt und Land

  • zwingende, wissenschaftsbasierte Argumente in einfacher Sprache nutzen.
  • Allianzen mit nahestehenden Organisationen bilden, Ideen und Vorschläge für gesunde Ernährung und entsprechende Aktionen auf eine breite Basis stellen.
  • politische Entscheider als Speerspitze für gesunde Ernährung und eine Ernährungswende gewinnen, ob in der Kommune oder im Land.
    Ernährungsräte müssen
  • sich trauen und „hoch zielen“.

Vieles geschieht bereits in Städten, auf Landes- und Bundesebene mit Nachdruck, als Bewegung „von unten“. Ernährungsräte sind das „Sprachrohr“ der Zivilgesellschaft und können „Brückenbauer“ „vom Acker bis zum Teller“ für eine Ernährungswende sein. Ein langer Weg, der es wert ist zu gehen: für eine enkelfähige Zukunft.

Peter Wogenstein ist Sprecher des Vorstands des Instituts für Welternährung e.V., Gründungsmitglied des Netzwerks der Ernährungsräte Niedersachsen e.V. und Mitglied des Vorstands der Regionalbewegung Niedersachsen e.V. Er arbeitet freiberuflich als systemischer Organisationsberater, Trainer, Coach und Moderator.

Lebensmittelreste verwerten

Kreative Resteküche: Aktion „Mach mehr draus!“ startet

Ernährungsräte Niedersachsens und Verbraucherzentrale Niedersachsen bieten kostenlose Seminare zum Thema Resteküche in Niedersachsen an

„Weltweit wird ca. ein Drittel der erzeugten Lebensmittel weggeworfen, in Deutschland insgesamt 6,5 Millionen Tonnen in privaten Haushalten pro Jahr: eine mehr als erschreckende Zahl“, so Peter Wogenstein, Sprecher des Netzwerks der Ernährungsräte Niedersachsen. „Wir, die Verbraucherinnen und Verbraucher sind damit angesprochen. Die Ernährungsräte in Niedersachsen wenden sich gegen diese Lebensmittelverschwendung. Wir wollen deshalb mithelfen und zeigen, dass Lebensmittelabfälle vermeidbar sind mit Impulsen für die Resteküche und Tipps für zuhause. Lebensmittel gehören nicht in die Tonnen.“

Die Koalition vergisst die Ernährungspolitik

In der Berichterstattung zu den Koalitionsverhandlungen fehlt ein Thema: unsere Ernährungspolitik. Dabei geht es um die Zukunft unserer Kinder – besonders in Kitas und Schulen, darum ob wir als Gesellschaft uns noch mehr Übergewicht und Fettsucht leisten wollen, von Folgeerkrankungen und Folgekosten ganz zu schweigen. Die Weltbank bezeichnet die volkswirtschaftlichen Risiken des fehlgesteuerten Ernährungssystems als „tickende Zeitbombe“.

Ernährung und Ernährungspolitik – und das scheint Politik gar nicht oder wenig zu sehen – ist nicht nur gesundes Kochen und Essen. Es betrifft die Frage, welche Landwirtschaft wir in Zukunft wollen, welchen Beitrag die Herstellung, Verarbeitung und Aufbereitung unserer Lebensmittel zu unserer Gesundheit und zum Umweltschutz leisten, und das betrifft auch die großen Mengen an Lebensmittelabfällen.

Der Verbraucherschutz sollte uns vor hochverarbeiteten Lebensmitteln („Ultra-Processed Foods“) zumindest warnen, Schulpolitik und Schulbau die Räume zur Verfügung stellen, dass nachhaltige Ernährung, Umweltschutz und Nachhaltigkeit als Lehrfach nicht nur Theorie bleiben, sondern in Schule praktisch erlebbar und genießbar werden. Und unsere Sozialpolitik muss in Abstimmung mit dem Wirtschafts- und Finanzministerium mit dazu beitragen, dass gesundes Essen allen, und wirklich auch allen Kindern und Jugendlichen in Kitas und Schulen zur Verfügung steht. Also raus aus dem Kastendenken der einzelnen Ministerien, hin zu einer ressortübergreifenden Ernährungspolitik – für unsere Kinder in Niedersachsen. Der Koalitionsvertrag für die neue Legislaturperiode muss eine Ernährungspolitik hin zu einer Ernährungswende festschreiben.

Forderungen zur Landtagswahl 2022

Die Ernährungsräte und Ernährungsinitiativen in Niedersachsen
„Ein zukunftsfähiges Ernährungssystem für ganz Niedersachsen!“


Die Bedrohung unserer Lebensgrundlagen Boden und Wasser, die Klimakrise und der Verlust
an biologischer Vielfalt stellen eine große weltweite Bedrohung für Frieden und Sicherheit
dar. Deshalb haben sich alle Staaten der Vereinten Nationen auf verbindliche
Nachhaltigkeitsziele – die ‚Sustainable Development Goals‘, UN-Agenda 2030 – geeinigt. Die
Ernährung ist mit diesen Zielen in ihrer Gesamtheit stets verknüpft. Eine Transformation des
Ernährungssystems ist notwendig.[1]
Wie viele Ernährungsräte bundesweit [2] setzt sich der Ernährungsrat Niedersachsen dafür
ein, ein resilientes, klima- und umweltschonendes sowie gerechtes Ernährungssystem zu
etablieren, durch das saisonale, regionale und gesunde Lebensmittel aus fairer und
nachhaltiger Herstellung sowie artgerechter Tierhaltung gefördert werden.
Wir fordern eine sofortige und konkrete Umsetzung der bereits bestehenden
Handlungsleitlinien und wissenschaftlichen Gutachten.[3]

Zukunftsstrategie Ernährung
Die Umsetzung und Weiterentwicklung der „Ernährungsstrategie Niedersachsen“ als eine
‚Zukunftsstrategie Ernährung‘ ist dringend notwendig. „Ernährung ist ein
gesellschaftspolitisches Querschnittsthema.“[4] Ein „Runder Tisch“ muss geschaffen werden,
an dem alle Interessengruppen des Ernährungssystems teilnehmen und für die Verstetigung
der Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft, Organisationen und politischen
Stakeholdern sorgen. Hier sollten die zentralen Themen rund um Ernährung und
Ernährungssicherheit aufgegriffen und ein stärkeres Bewusstsein für den Wert von
Lebensmitteln gesellschaftsweit gefördert werden. Die Verantwortung hierfür muss
ressortübergreifend bei der Staatskanzlei liegen.


Regionale Wertschöpfungszentren und Kompetenzzentren
Regionale Kompetenzzentren für nachhaltige Verpflegungsangebote sind notwendig. Bereits
im Land bestehende Initiativen sollten hier koordiniert und gebündelt werden. Durch sie
sollen Einrichtungen unterstützt werden, weniger Lebensmittel zu verschwenden und
ökologische, saisonale, regionale, tierwohlverträgliche- und faire Lebensmittel zu nutzen.
Die Kompetenzzentren sollen in Regionalen Wertschöpfungszentren[5] integriert sein, um so
die regionale Ernährungssouveränität zu fördern und die Kompetenzen für nachhaltige
Geschäftsmodelle zu stärken.

Zukunftsfähige Landwirtschaft
Der Flächenanteil von Ökolandbau in Niedersachsen soll auf 30 % bis 2030 erhöht werden.
[6] Das Land muss Vorbild sein und die Flächen der öffentlichen Hand entsprechend
umstellen. Das gesamte landwirtschaftliche Produktionssystem muss auf nachhaltige
Bewirtschaftungsverfahren umgestellt und mit den Methoden des Ökologischen Landbaus
zukunftsfähig gemacht werden. Dazu gehört auch die Förderung regenerativer
Bewirtschaftungsformen und nachhaltiger Vermarktungssysteme.

Vorbild Landeskantinen
Die Landeskantinen[7] als Großverbraucher frischer, regionaler und saisonaler Lebensmittel
müssen eine Vorbildfunktion erfüllen. Bis 2025 sollten sie auf die Verwendung regionaler
und (vom Ziel her) ökologisch produzierter Lebensmittel ausgerichtet werden.

Kantinen „for Change“
Ein finanzielles Förderprogramm für die klimaverträgliche Gemeinschaftsverpflegung in
Kommunen, insbesondere in Kitas und Schulen, und privaten Einrichtungen muss
bereitgestellt werden. Die Umstellung und Weiterentwicklung der Ernährungskonzepte zu
einer stärker pflanzenbasierten Ernährung [8] sollte durch die regionalen Kompetenzzentren
unterstützt werden. Schulen und Kitas sollten ihre Mahlzeiten kostenfrei anbieten, um
frühzeitig eine gesundheitsfördernde und nachhaltige Ernährungskultur für alle zu fördern.
„Die Entscheidung für die eigene Gesundheit liegt jeden Tag auf dem Teller.“ [9]
Grundnahrungsmittel von der Mehrwertsteuer befreien
Die Landesregierung muss sich dafür einsetzen, dass unverarbeitete Grundnahrungsmittel
(wie z.B. Gemüse und Obst) von der Mehrwertsteuer befreit werden. Dies schafft den
Anreiz, frische Lebensmittel stärker zu nutzen und selbst zu verarbeiten.
Verarbeitete Lebensmittel (so Produkte der Lebensmittelindustrie) bleiben weiterhin
mehrwertsteuerpflichtig.

Flächenverbrauch stoppen
Der Flächenverbrauch in Niedersachsen muss bis zum Jahr 2025 auf maximal 5 ha/d und bis
2035 auf Netto-Null begrenzt werden. Der tägliche Verlust von 54 Hektar als
Siedlungsflächen und Verkehrsflächen ist nicht hinnehmbar, weil so immer mehr wertvolle
Acker- und Grünlandflächen verloren gehen [10]. Um die wertvollen ökologischen
Bodenfunktionen und die landwirtschaftlichen Flächen zu sichern, brauchen wir einen
Schutz- und Erhaltungsmechanismus sowie eine ressourcenschonende Flächennutzung.

Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung
Die Landesregierung muss das Wegwerfen von Lebensmitteln in Supermärkten verbieten
und dafür auf Landes- und Bundesebene rechtliche Grundlagen gegen
Lebensmittelverschwendung schaffen[11]. Notwendig sind verpflichtende Maßnahmen im
Rahmen der Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung.
Bildung für nachhaltige Entwicklung in Ausbildung und Schule
Die Aus- und Fortbildung des pädagogischen Personals muss eine klimafreundliche
Ernährungsbildung beinhalten. Die Lerninhalte von Kitas und Allgemeinbildenden Schulen
müssen um die Umweltauswirkungen des Ernährungssystems[12] ergänzt werden.
Notwendigen Rahmenbedingungen (so Kochküche, Schulgärten) sind zu schaffen.



Pressekontakt
Peter Wogenstein – Sprecher des Ernährungsrats Niedersachsens
Am Listholze 7, 30177 Hannover
„Netzwerk Ernährungsräte Niedersachsen e.V.“
Tel. 0172 204 9188
E-Mail: peter.wogenstein@t-online.de
https://ernaehrungsrat-niedersachsen.de


Fußnoten
[1] „Eine umfassende Transformation des Ernährungssystems ist sinnvoll, sie ist möglich und sie
sollte umgehend begonnen werden.“ Gutachten WBAE Juni 2020, Seite xxiii. Vgl. auch „Unser Rezept
für die Zukunft. Niedersachsens Ernährungsstrategie, Dezember 2021 (Ernährungsstrategie
Niedersachsen), Seite 24. Wuppertal Institut (2021): Zukunftsfähige Ernährungssysteme und
Konsummuster. Aktuelle Erkenntnisse aus der Forschung zu nachhaltiger Ernährung am Wuppertal
Institut. In: Zukunftsimpuls 2019.
[2] Siehe dazu die Forderung der Ernährungsräte in NRW zur Landtagswahl im Mai 2022 unter
https://ernaehrungsraete.org/2022/04/05/forderungen-nrw-landtagswahl-2022/. Zentrale Aspekte
finden sich in unseren Forderungen wieder.

[3] Siehe als Auswahl: „Unser Rezept für die Zukunft. Niedersachsens Ernährungsstrategie,
Dezember 2021 (Ernährungsstrategie Niedersachsen), Gutachten WBAE Juni 2020, Abschlussbericht
Zukunftskommission Landwirtschaft, Green new Deal/ Farm to Fork Strategy (EU)
[4] Siehe Ernährungsstrategie Niedersachsen, Seite 12.
[5] Siehe Ernährungsstrategie Niedersachsen, Seite 52-53. Landesverband Regionalbewegung NRW
e.V. (2022): Regionalitätsstrategie NRW. Zukunftschancen für Regionalvermarktung, Biodiversität,
Landwirtschaft und Lebensmittelhandwerk
[6] Die Ernährungsstrategie Niedersachsen sieht nur 15% bis 2030 vor (Seite 52). Siehe auch
„Öffentliches Land … in ökologische Hand.“ (Seite 69)
[7] Auf die Frage, „Wie NACHHALTIG ISST unsere Regierung ?“ liefert die Studie erschreckende
Ergebnisse in: Svea Spieker, Auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft. Analyse und Optimierung von
Nachhaltigkeitsmanagement und -kommunikation am Beispiel der Bundeskantinen, Institut für
Welternährung (IWE) und Hochschule Darmstadt, 2021.
[8] „Es gibt viele Krankheiten, die durch ausgewogene Ernährung verhindert oder zumindest
vermindert werden könnten – seien es Herz-, Kreislauferkrankungen, Fettleber, Arthrose oder
Bluthochdruck … Die Entscheidung für die eigene Gesundheit liegt jeden Tag auf dem Teller!“,
Ernährungsstrategie Niedersachsen, Seite 6. Siehe auch Seite 16.
[9] Ernährungsstrategie Niedersachsens, Seite 34 und 37. Siehe auch EU-Projekt „School Food for
Change“ im Rahmen des Forschungs- und Innovations-programms Horizon 2020, das u.a. in der Stadt
Essen umgesetzt wird.
[10] www.bmuv.de/themen/nachhaltigkeit-digitalisierung/nachhaltigkeit/strategie-undumsetzung/flaechenverbrauch-worum-geht-es
[11] In Frankreich wurde das Gesetz zur Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung
(LOI n° 2016-138; auch bekannt als „Loi Garot“) am 11. Februar 2016 verabschiedet.
[12] Siehe Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2019): Nationale Strategie zur
Reduzierung der Lebensmittelverschwendung.
[13] Siehe Ernährungsstrategie Niedersachsens, Seite. 40ff. Heseker, H. / Hirsch, J. / Dankers, R.
(2019): Forschungsbericht „Ernährungsbezogene Bildungsarbeit in Kitas und Schulen“. Universität
Paderborn sowie Ritter, G. / Reichardt, K. /Hielscher, J. (2021): „NRW isst besser! Wegweiser zu
einem nachhaltigeren Ernährungssystem in NRW“. FH Münster / Institut für Nachhaltige Ernährung

Wahlprüfsteine zur Landtagswahl Niedersachsen 2022

Ernährung ist ein Querschnittsthema mit vielfältigen Handlungsoptionen für Niedersachsen. Ernährung kann einen erheblichen Beitrag zu den globalen Nachhaltigkeitszielen (SDGs) der Agenda 2030 zu leisten. Niedersachsen hat dazu Ende 2021 eine Ernährungsstrategie vorgelegt. Die Ernährungsräte und Ernährungsinitiativen vor Ort setzen sich für ein resilientes, klima- und umweltschonendes Ernährungssystem ein und damit für regionale, saisonale und gesunde Lebensmittel aus fairer und nachhaltiger Herstellung ein.

Als Ernährungsräte und Ernährungsinitiativen in Niedersachsen wollen wir die Positionen zu drängenden Fragen rund um eine Ernährungswende in Niedersachsen erfahren und legen deshalb den Fraktionen im Landtag  im Vorfeld der anstehenden Landtagswahlen am 9. Oktober 2022 unsere Fragen vor.

1. Wie stehen Sie zur Ernährungs- und Agrarwende in Verbindung mit dem Klimawandel?

Was müsste sich an der Lebensmittelproduktion sowie am Konsumverhalten der Bevölkerung ändern?

2. Niedersachsen hat seit Ende 2021 eine Ernährungsstrategie. Welche konkreten Schritte wird Ihre Partei zu ihrer Umsetzung unternehmen?

3. Welche Bedeutung haben in diesem Kontext für Sie die Ernährungsräte und wie werden Sie dazu beitragen, die Existenz der Ernährungsräte zu sichern und ihre Arbeit zu unterstützen?

4. Welche Maßnahmen werden Sie ergreifen, um ein sozial und global gerechtes Ernährungssystem in Niedersachsen zu fördern (Stichworte Zugang zu guten Lebensmitteln für alle, fairer Lohn und faire Arbeitsbedingungen)?

Wir werden die Antworten der Fraktionen über die Webseiten der Ernährungsräte in Niedersachsen sowie über Social Media und Pressemitteilungen einige Wochen vor der Wahl veröffentlichen.

Dem Netzwerk der Ernährungsräte und Ernährungsinitiativen Niedersachsens gehören Braunschweig, Cuxland, Göttingen, Hannover, Lüneburg und Oldenburg an. Ernährungsräte vernetzen Akteure der Ernährungslandschaft aus der Region und stoßen eine Ernährungswende vor Ort an. Gemeinsam sind sie als Verein „Netzwerk Ernährungsräte Niedersachsen e.V.“ seit August 2020 Mitglied im Beirat des ZEHN.