Frau steht vor einem Regal mit Gemüse

Niedersachsen stellt Ernährungsarmut in den Fokus Ein Hoffnungsschimmer, aber reicht es?

Ein Kommentar von Peter Wogenstein
Hannover, 11. Dezember 2025

Niedersachsen stellt seit heute Ernährungsarmut in den Fokus. Ein Schritt, der überfällig ist, ist doch jede/r Sechste in unserer Gesellschaft armutsgefährdet. Viel zu viele leiden an Ernährungsarmut. Besonders hart trifft es dann Kinder und Jugendliche in armen und armutsgefährdeten Familien. Eine eingeschränkte körperliche und geistige Entwicklung sind die Folge, soziale und psychische Belastung kommen hinzu, und Kinder in dieser Situation erfinden dann „Geschichten“ – wie heute berichtet wurde -, um mit der erlebten Scham klar zu kommen. Dazu kommen durch mangelnde und schlechte Ernährung gesundheitliche Folgen wie Adipositas und Diabetes 2. So folgt der Armut die Scham, oft verbunden mit Krankheit und Wohnungslosigkeit.

Gründe genug, zu handeln. Und so stellt Miriam Staudte, Niedersächsische Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gleich 13 Handlungsfelder vor, die der Ernährungsarmut und ihren Folgen begegnen sollen. Sie reichen von „Die ersten tausend Tage junger Familien in den Blick nehmen“ über „beitragsfreie und qualitativ hochwertige Kita- und Schulverpflegung“ bis zu „Kosten einer gesundheitsfördernden Ernährung“ in der „staatlichen Grundsicherungsleistung adäquat berücksichtigen“. Dies legt insbesondere den Fokus auf die Altersgruppe der Neugeborenen, der Kinder und Jugendlichen, für deren Entwicklung und weiteren Lebensweg gesunde Ernährung besonders wichtig ist. Die Gruppe der Erwachsenen und alten, oft alleinstehenden Menschen sind in den Handlungsfeldern mit eingeschlossen bis zur Förderung der Tafeln in unserem Land. Ernährungsarmut zieht sich durch alle Altersgruppen, und dafür muss, wie Miriam Staudte ausführt, auch Geld in die Hand genommen werden.

Aber genau das ist das Problem. Hier fehlt es an Geld. Denn der eigentliche Skandal bei der Lektüre der Handlungsfelder gegen Ernährungsarmut ist, wie sehr die Armen unter uns in dieser doch reichen Gesellschaft im Stich gelassen werden. Viele Initiativen sind unterwegs vom Schulfrühstück über Obst in Schulen, Kochen im Viertel bis zur Tafel. Das Grundproblem wird jedoch nicht angegangen durch uns als Gesellschaft und unsere Vertreterinnen und Vertreter des Landes- und des Bundesparlaments.

Wissenschaftliche Studien belegen die Notwendigkeit von möglichst nahrhafter Gesundheit. Skandinavien macht uns schon lange vor, dass kostenfreie gesunde Verpflegung in Schulen machbar ist und belegt auch wissenschaftlich die positiven Auswirkungen für die körperliche und geistige Entwicklung der Kinder.

Bei uns tut sich grundsätzlich und strukturell … wenig. Kein Engagement in der Politik für kostenfreie Kita- und Schulverpflegung, kein Interesse, das komplexe Bündel der Sozialleistungen, das sich über Kommune, Land und Bund zieht, aufzudröseln und zu verschlanken und dafür zu sorgen, dass das Geld dahin kommt, wo es für gesunde Ernährung am meisten gebraucht wir: für die Neugeborenen in den ersten tausend Tagen, für die Kinder und Jugendlichen, für Kranke und alte Menschen. Das wäre auch ein „gesunder“ Schritt Richtung weniger Bürokratie.

Warum hört Politik nicht auf den vom Bundestag eingesetzten Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ und seine Empfehlungen: gut begründet, gerechnet und mit großem Nachdruck dem Bundestag nahegebracht?

Warum scheitert die Politik für gesunde Ernährung?

In einer Studie (November 2024) finden sich die vier wichtigsten Gründe, warum Politik für gesunde Ernährung scheitert:

  • 1. Versuche, Einfluss auf das Ernährungsverhalten in der Gesellschaft zu nehmen, werden in der öffentlichen Diskussion vehement als „Bevormundung“ abgetan.
  • 2. Die massive Lobbyarbeit der Lebensmittelindustrie und die Furcht vor negativen Auswirkungen in der Wirtschaft hindern, Einsichten und Wissen in Gesetze umzusetzen.
  • 3. Das Thema Ernährung hat es noch nie in die Liste der Topthemen der Politik geschafft.
  • 4. Die Verantwortung für gesunde Ernährung ist über zahlreiche Ministerien verstreut. Da Ernährung und das Ernährungssystem eine komplexe und weitläufige Angelegenheit sind, wird jeder Gestaltungsversuch zu einem politischen Such- und Verwirrspiel. Die Briten nennen es: „Whack-the-Mole“ – Fang den Maulwurf.

So bleibt das „Problem“ „Gesunde Ernährung für alle“ und „Ernährungsarmut da hängen, wo es alle hinschieben: beim Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Das bemüht sich sehr. Doch es braucht mehr. So auch eine laute zivilgesellschaftliche Stimme, die die Politik vor Ort, im Land und im Bund auf den Missstand immer wieder hinweist.

Peter Wogenstein ist Sprecher des Vorstands des Instituts für Welternährung (IWE) und Gründer des „Netzwerks der Ernährungsräte Niedersachsens“

Das Fokusheft Ernährungsarmut sowie Niedersachsens Ernährungsstrategie gibt es hier zum Download
> https://www.ernaehrungsstrategie-niedersachsen.de/

Dr. Wilfried Bommert

Das Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsens e.V. trauert um Dr. Wilfried Bommert, Vorstandssprecher und Begründer des Instituts für Welternährung e.V. / World Food Institute

Am 9. April ist Dr. Wilfried Bommert nach schwerer Krankheit im Alter von 74 Jahren verstorben. Mit ihm verliert die Ernährungswende einen ihrer engagiertesten Vordenker, einen beharrlichen Streiter für eine gerechte, nachhaltige und zukunftsfähige Agrar- und Ernährungspolitik.

Als Agrarwissenschaftler, Journalist, Autor und Mitbegründer des Instituts für Welternährung e.V. prägte Wilfried Bommert über Jahrzehnte hinweg die öffentliche Debatte zu Fragen unserer Lebensmittelproduktion und -kultur. Bereits früh erkannte er die fatalen Folgen einer industriellen Landwirtschaft und setzte sich mit Nachdruck für eine ökologische, faire und demokratisch gestaltete Ernährungszukunft ein.

Mit seinem Engagement hat er der Ernährungswende eine starke Stimme verliehen – sei es als langjähriger Redakteur beim WDR, als Autor einflussreicher Bücher, als Sprecher des Instituts für Welternährung e.V. oder als Mitinitiator zahlreicher Ernährungsräte in deutschen Kommunen. Stets war sein Ziel: den Wandel und politischen Druck von unten stärken.

Wilfried Bommert verstand Ernährung als politisches und kulturelles Thema – als Ausdruck von Verantwortung, Gerechtigkeit und Verbindung. Seine Arbeit war getragen von dem tiefen Wunsch, den Zugang zu gesunden Lebensmitteln für alle Menschen zu sichern und die natürlichen Lebensgrundlagen zu bewahren.

Mit Veröffentlichungen wie „Landwirtschaft am Scheideweg“, „Stille Killer“ oder „Verbrannte Mandeln“ schärfte er den Blick für die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Klima, Gesundheit und sozialer Gerechtigkeit. Dabei scheute er nie die klare Position oder den unbequemen Diskurs.

Das Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsens e.V. schätzte ihn nicht nur als klugen Kopf und Mitstreiter, sondern auch als Lehrenden, Redner, Ratgeber und Motivator.

Wilfried Bommert hat mit seinem Institut die Bewegung zur Bildung kommunaler und regionaler Ernährungsräte mitinitiiert und eine Handreichung zu ihrer Gründung und zu ihrer Tätigkeit „Ernährungswende jetzt. Ein Beratungsmodul für Ernährungsräte“ erarbeitet und publiziert. Wilfried Bommert war selbst an der Gründung und Entwicklung zahlreicher Ernährungsräte in Deutschland beteiligt.

Wilfried Bommert hat mit dem Institut für Welternährung die finanzielle und organisatorische Unterstützung unseres Vereins „Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsens e.V.“ seit seiner Gründung ermöglicht. Mit Wilfried Bommert haben wir zahlreiche Veranstaltungen durchgeführt, so die Diskussion mit Landtagsabgeordneten und Termine mit der Niedersächsischen Landwirtschaftsministerin. Trotz schwerer Krankheit hat er im November 2024 in Hannover die Kraft aufgebracht, seine Sicht auf die notwendige lokale und globale Agrar- und Ernährungswende in aller Tiefe darzulegen. In der Veranstaltung „60 Jahre Malawi. Überleben in Zeiten der Klimakrise – Was lernen wir und was können wir gemeinsam tun“ hat Wilfried Bommert allen Anwesenden die Bedeutung seines Themas: „Was wir tun, wirkt sich weltweit aus. Wir tragen Verantwortung für unser Handeln.“ deutlich vor Augen geführt.

Sein intellektueller Scharfsinn, sein unermüdlicher Einsatz und seine zutiefst menschliche Haltung – all das wird fehlen. Die von ihm angestoßenen Ideen und Projekte wirken weiter.

Der Vorstand des Netzwerks der Ernährungsräte Niedersachsens e.V. trauert um einen Weggefährten, Freund und Visionär.

Unsere Gedanken sind bei seiner Familie und allen, die ihm nahestanden.
Wir werden sein Vermächtnis in seinem Sinne weitertragen – laut, klar und unbeirrbar – für eine enkelfähige Zukunft.

Peter Wogenstein

Sprecher des Vorstands
Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsen e.V.
Am Listholze 7
30177 Hannover